JOHANN WOLFGANG GOETHE. GOTZ VON BERLICHINGEN MIT DER EISERNEN HAND



Personen:
Kaiser Maximilian
Gotz von Berlichingen

Elisabeth, seine Frau

Maria, seine Schwester

Karl, sein Sohnchen

Georg, sein Bube

Bischof von Bamberg

Weislingen, Adelheid von Walldorf, Liebetraut an des Bischofs Hofe

Abt von Fulda

Olearius, beider Rechte Doktor

Bruder Martin

Hans von Selbitz

Franz von Sickingen

Lerse

Franz, Weislingens Bube

Kammerfraulein der Adelheid

Metzler, Sievers, Link, Kohl, Wild, Anfuhrer der rebellischen Bauern

Hoffrauen, Hofleute, am Bambergschen Hofe

Kaiserliche Rate

Ratsherrn von Heilbronn

Richter des heimlichen Gerichts

Zwei Nurnberger Kaufleute

Max Stumpf, Pfalzgraflicher Diener

Ein Unbekannter

Brautvater und Brautigam, Bauern

Berlichingsche, Weislingsche, Bambergsche Reiter

Hauptleute, Offiziere, Knechte von der Reichsarmee

Schenkwirt

Gerichtsdiener

Heilbronner Burger

Stadtwache

Gefangniswarter

Bauern

Zigeunerhauptmann

Zigeuner, Zigeunerinnen






Erster Akt
Schwarzenberg in Franken
Herberge
Metzler, Sievers am Tische. Zwei Reitersknechte beim Feuer. Wirt.

Sievers. Hansel, noch ein Glas Branntwein, und me? christlich.

Wirt. Du bist der Nimmersatt.

Metzler (leise zu Sievers). Erzahl das noch einmal vom Berlichingen! Die Bamberger dort argern sich, sie mochten schwarz werden.

Sievers. Bamberger? Was tun die hier?

Metzler. Der Weislingen ist oben auf'm Schlo? beim Herrn Grafen schon zwei Tage; dem haben sie das Gleit geben. Ich wei? nicht, wo er herkommt; sie warten auf ihn; er geht zuruck nach Bamberg.

Sievers. Wer ist der Weislingen?

Metzler. Des Bischofs rechte Hand, ein gewaltiger Herr, der dem Gotz auch auf'n Dienst lauert.

Sievers. Er mag sich in acht nehmen.

Metzler (leise). Nur immer zu! (Laut.) Seit wann hat denn der Gotz wieder Handel mit dem Bischof von Bamberg? Es hie? ja, alles ware vertragen und geschlichtet.

Sievers. Ja, vertrag du mit den Pfaffen! Wie der Bischof sah, er richt nichts aus und zieht immer den kurzern, kroch er zum Kreuz und war geschaftig, da? der Vergleich zustand kam. Und der getreuherzige Berlichingen gab unerhort nach, wie er immer tut, wenn er im Vorteil ist.

Metzler. Gott erhalt ihn! Ein rechtschaffener Herr!

Sievers. Nun denk, ist das nicht schandlich? Da werfen sie ihm einen Buben nieder, da er sich nichts weniger versieht. Wird sie aber schon wieder dafur lausen!

Metzler. Es ist doch dumm, da? ihm der letzte Streich mi?gluckt ist! Er wird sich garstig erbost haben.

Sievers. Ich glaub nicht, da? ihn lang was so verdrossen hat. Denk auch: alles war aufs genaueste verkundschaft, wann der Bischof aus dem Bad kam, mit wieviel Reitern, welchen Weg; und wenn's nicht war durch falsche Leut verraten worden, wollt er ihm das Bad gesegnet und ihn ausgerieben haben.

Erster Reiter. Was rasoniert ihr von unserm Bischof? Ich glaub, ihr sucht Handel.

Sievers. Kummert euch um eure Sachen! Ihr habt an unserm Tisch nichts zu suchen.

Zweiter Reiter. Wer hei?t euch von unserm Bischof despektierlich reden?

Sievers. Hab ich euch Red und Antwort zu geben? Seht doch den Fratzen!

Erster Reiter (schlagt ihn hinter die Ohren).

Metzler. Schlag den Hund tot!

(Sie fallen ubereinander her.)

Zweiter Reiter. Komm her, wenn du 's Herz hast.

Wirt (rei?t sie voneinander). Wollt ihr Ruh haben! Tausend Schwerenot! Schert euch 'naus, wenn ihr was auszumachen habt. In meiner Stub soll's ehrlich und ordentlich zugehen. (Schiebt die Reiter zur Tur hinaus.) Und ihr Esel, was fanget ihr an?

Metzler. Nur nit viel geschimpft, Hansel, sonst kommen wir dir uber die Glatze. Komm, Kamerad, wollen die drau?en bleuen.

(Zwei Berlichingsche Reiter kommen.)

Erster Reiter. Was gibt's da? .

Sievers. Ei guten Tag, Peter! Veit, guten Tag! Woher?

Zweiter Reiter. Da? du dich nit unterstehst zu verraten, wem wir dienen.

Sievers (leise). Da ist euer Herr Gotz wohl auch nit weit?

Erster Reiter. Halt dein Maul! Habt ihr Handel?

Sievers. Ihr seid den Kerls begegnet drau?en, sind Bamberger.

Erster Reiter. Was tun die hier?

Metzler. Der Weislingen ist droben auf'm Schlo?, beim gnadigen Herrn, den haben sie geleit.

Erster Reiter. Der Weislingen?

Zweiter Reiter (leise). Peter! das ist ein gefunden Fressen! (Laut.) Wie lang ist er da?

Metzler. Schon zwei Tage. Aber er will heut noch fort, hort ich einen von den Kerls sagen.

Erster Reiter (leise). Sagt ich dir nicht, er war daher! Hatten wir dort druben eine Weile passen konnen. Komm, Veit.

Sievers. Helft uns doch erst die Bamberger ausprugeln.

Zweiter Reiter. Ihr seid ja auch zu zwei. Wir mussen fort. Adies! (Ab.)

Sievers. Lumpenhunde die Reiter! wann man sie nit bezahlt, tun sie dir keinen Streich.

Metzler. Ich wollt schworen, sie haben einen Anschlag. Wem dienen sie?

Sievers. Ich soll's nit sagen. Sie dienen dem Gotz.

Metzler. So! Nun wollen wir uber die drau?en. Komm! so lang ich einen Bengel hab, furcht ich ihre Bratspie?e nicht.

Sievers. Durften wir nur so einmal an die Fursten, die uns die Haut uber die Ohren ziehen.


Herberge im Wald
Gotz (vor der Tur unter der Linde). Wo meine Knechte bleiben! Auf und ab mu? ich gehen, sonst ubermannt mich der Schlaf. Funf Tag und Nachte schon auf der Lauer. Es wird einem sauer gemacht, das bi?chen Leben und Freiheit. Dafur, wenn ich dich habe, Weislingen, will ich mir's wohl sein lassen. (Schenkt ein.) Wieder leer! Georg! Solang's daran nicht mangelt und an frischem Mut, lach ich der Fursten Herrschsucht und Ranke. - Georg! - Schickt ihr nur euern gefalligen Weislingen herum zu Vettern und Gevattern, la?t mich anschwarzen. Nur immer zu. Ich bin wach. Du warst mir entwischt, Bischof! So mag denn dein lieber Weislingen die Zeche bezahlen. - Georg! Hort der Junge nicht? Georg! Georg!

Der Bube (im Panzer eines Erwachsenen). Gestrenger Herr!

Gotz. Wo stickst du? Hast du geschlafen? Was zum Henker treibst du fur Mummerei? Komm her, du siehst gut aus. Scham dich nicht, Junge. Du bist brav! Ja, wenn du ihn ausfulltest! Es ist Hansens Kura??

Georg. Er wollt ein wenig schlafen und schnallt' ihn aus.

Gotz. Er ist bequemer als sein Herr.

Georg. Zurnt nicht. Ich nahm ihn leise weg und legt ihn an, und holte meines Vaters altes Schwert von der Wand, lief auf die Wiese und zog's aus.

Gotz. Und hiebst um dich herum? Da wird's den Hecken und Dornen gutgegangen sein. Schlaft Hans?

Georg. Auf Euer Rufen sprang er auf und schrie mir, da? Ihr rieft. Ich wollt den Harnisch ausschnallen, da hort ich Euch zwei-, dreimal.

Gotz. Geh! bring ihm seinen Panzer wieder und sag ihm, er soll bereit sein, soll nach den Pferden sehen.

Georg. Die hab ich recht ausgefuttert und wieder aufgezaumt. Ihr konnt aufsitzen, wann Ihr wollt.

Gotz. Bring mir einen Krug Wein, gib Hansen auch ein Glas, sag ihm, er soll munter sein, es gilt. Ich hoffe jeden Augenblick, meine Kundschafter sollen zuruckkommen.

Georg. Ach gestrenger Herr!

Gotz. Was hast du?

Georg. Darf ich nicht mit?

Gotz. Ein andermal, Georg, wann wir Kaufleute fangen und Fuhren wegnehmen.

Georg. Ein andermal, das habt Ihr schon oft gesagt. O diesmal! diesmal! Ich will nur hintendreinlaufen, nur auf der Seite lauern. Ich will Euch die verschossenen Bolzen wiederholen.

Gotz. Das nachstemal, Georg. Du sollst erst ein Wams haben, eine Blechhaube und einen Spie?.

Georg. Nehmt mich mit! War ich letzt dabei gewesen, Ihr hattet die Armbrust nicht verloren.

Gotz. Wei?t du das?

Georg. Ihr warft sie dem Feind an Kopf, und einer von den Fu?knechten hob sie auf; weg war sie! Gelt ich wei??

Gotz. Erzahlen dir das meine Knechte?

Georg. Wohl. Dafur pfeif ich ihnen auch, wann wir die Pferde striegeln, allerlei Weisen und lerne sie allerlei lustige Lieder.

Gotz. Du bist ein braver Junge.

Georg. Nehmt mich mit, da? ich's zeigen kann!

Gotz. Das nachstemal, auf mein Wort. Unbewaffnet wie du bist, sollst du nicht in Streit. Die kunftigen Zeiten brauchen auch Manner. Ich sage dir, Knabe, es wird eine teure Zeit werden: Fursten werden ihre Schatze bieten um einen Mann, den sie jetzt hassen. Geh, Georg, gib Hansen seinen Kura? wieder und bring mir Wein. (Georg ab.) Wo meine Knechte bleiben! Es ist unbegreiflich. Ein Monch! Wo kommt der noch her?

(Bruder Martin kommt.)

Gotz. Ehrwurdiger Vater, guten Abend! woher so spat? Mann der heiligen Ruhe, Ihr beschamt viel Ritter.

Martin. Dank Euch, edler Herr! Und bin vor der Hand nur demutiger Bruder, wenn's ja Titel sein soll. Augustin mit meinem Klosternamen, doch hor ich am liebsten Martin, meinen Taufnamen.

Gotz. Ihr seid mude, Bruder Martin, und ohne Zweifel durstig! (Der Bub kommt.) Da kommt der Wein eben recht.

Martin. Fur mich einen Trunk Wasser. Ich darf keinen Wein trinken.

Gotz. Ist das Euer Gelubde?

Martin. Nein, gnadiger Herr, es ist nicht wider mein Gelubde, Wein zu trinken; weil aber der Wein wider mein Gelubde ist, so trinke ich keinen Wein.

Gotz. Wie versteht Ihr das?

Martin. Wohl Euch, da? Ihr's nicht versteht. Essen und trinken, mein ich, ist des Menschen Leben.

Gotz. Wohl!

Martin. Wenn Ihr gegessen und getrunken habt, seid Ihr wie neu geboren; seid starker, mutiger, geschickter zu Euerm Geschaft. Der Wein erfreut des Menschen Herz, und die Freudigkeit ist die Mutter aller Tugenden. Wenn Ihr Wein getrunken habt, seid Ihr alles doppelt, was Ihr sein sollt, noch einmal so leicht denkend, noch einmal so unternehmend, noch einmal so schnell ausfuhrend.

Gotz. Wie ich ihn, trinke, ist es wahr.

Martin. Davon red ich auch. Aber wir -

(Georg mit Wasser.)

Gotz (zu Georg heimlich). Geh auf den Weg nach Dachsbach, und leg dich mit dem Ohr auf die Erde, ob du nicht Pferde kommen horst, und sei gleich wieder hier.

Martin. Aber wir, wenn wir gegessen und getrunken haben, sind wir grad das Gegenteil von dem, was wir sein sollen. Unsere schlafrige Verdauung stimmt den Kopf nach dem Magen, und in der Schwache einer uberfullten Ruhe erzeugen sich Begierden, die ihrer Mutter leicht uber den Kopf wachsen.

Gotz. Ein Glas, Bruder Martin, wird Euch nicht im Schlaf storen. Ihr seid heute viel gegangen. (Bringt's ihm.) Alle Streiter!

Martin. In Gottes Namen! (Sie sto?en an.) Ich kann die mu?igen Leute nicht ausstehen; und doch kann ich nicht sagen, da? alle Monche mu?ig sind; sie tun, was sie konnen. Da komm ich von St. Veit, wo ich die letzte Nacht schlief. Der Prior fuhrte mich in den Garten; das ist nun ihr Bienenkorb. Vortrefflicher Salat! Kohl nach Herzens Lust! und besonders Blumenkohl und Artischocken, wie keine in Europa!

Gotz. Das ist also Eure Sache nicht. (Er steht auf, sieht nach dem Jungen und kommt wieder.)

Martin. Wollte, Gott hatte mich zum Gartner oder Laboranten gemacht! Ich konnte glucklich sein. Mein Abt liebt mich, mein Kloster ist Erfurt in Sachsen; er wei?, ich kann nicht ruhn; da schickt er mich herum, wo was zu betreiben ist. Ich geh zum Bischof von Konstanz.

Gotz. Noch eins! Gute Verrichtung!

Martin. Gleichfalls.

Gotz. Was seht Ihr mich so an, Bruder?

Martin. Da? ich in Euern Harnisch verliebt bin.

Gotz. Hattet Ihr Lust zu einem? Es ist schwer und beschwerlich ihn zu tragen.

Martin. Was ist nicht beschwerlich auf dieser Welt! und mir kommt nichts beschwerlicher vor, als nicht Mensch sein durfen. Armut, Keuschheit und Gehorsam - drei Gelubde, deren jedes, einzeln betrachtet, der Natur das Unausstehlichste scheint, so unertraglich sind sie alle. Und sein ganzes Leben unter dieser Last, oder der weit druckendern Burde des Gewissens mutlos zu keuchen! O Herr! was sind die Muhseligkeiten Eures Lebens, gegen die Jammerlichkeiten eines Standes, der die besten Triebe, durch die wir werden, wachsen und gedeihen, aus mi?verstandener Begierde Gott naher zu rucken, verdammt?

Gotz. War Euer Gelubde nicht so heilig, ich wollte Euch bereden, einen Harnisch anzulegen, wollt Euch ein Pferd geben, und wir zogen miteinander.

Martin. Wollte Gott, meine Schultern fuhlten Kraft, den Harnisch zu ertragen, und mein Arm Starke, einen Feind vom Pferd zu stechen! - Arme schwache Hand, von jeher gewohnt, Kreuze und Friedensfahnen zu fuhren und Rauchfasser zu schwingen, wie wolltest du Lanze und Schwert regieren! Meine Stimme, nur zu Ave und Halleluja gestimmt, wurde dem Feind ein Herold meiner Schwache sein, wenn ihn die Eurige uberwaltigte. Kein Gelubde sollte mich abhalten wieder in den Orden zu treten, den mein Schopfer selbst gestiftet hat!

Gotz. Gluckliche Wiederkehr!

Martin. Das trinke ich nur fur Euch. Wiederkehr in meinen Kafig ist allemal unglucklich. Wenn Ihr wiederkehrt, Herr, in Eure Mauern, mit dem Bewu?tsein Eurer Tapferkeit und Starke, der keine Mudigkeit etwas anhaben kann, Euch zum erstenmal nach langer Zeit, sicher vor feindlichem Uberfall, entwaffnet auf Euer Bette streckt und Euch nach dem Schlaf dehnt, der Euch besser schmeckt als mir der Trunk nach langem Durst: da konnt Ihr von Gluck sagen!

Gotz. Dafur kommt's auch selten.

Martin (feuriger). Und ist, wenn's kommt, ein Vorschmack des Himmels. - Wenn Ihr zuruckkehrt, mit der Beute Eurer Feinde beladen, und Euch erinnert: den stach ich vom Pferd, eh er schie?en konnte, und den rannt ich samt dem Pferde nieder, und dann reitet Ihr zu Euerm Schlo? hinauf, und -

Gotz. Was meint Ihr?

Martin. Und Eure Weiber! (Er schenkt ein.) Auf Gesundheit Eurer Frau! (Er wischt sich die Augen.) Ihr habt doch eine?

Gotz. Ein edles vortreffliches Weib!

Martin. Wohl dem, der ein tugendsam Weib hat! des lebt er noch eins so lange. Ich kenne keine Weiber, und doch war die Frau die Krone der Schopfung!

Gotz (vor sich). Er dauert mich! Das Gefuhl seines Standes fri?t ihm das Herz.

Georg (gesprungen). Herr! ich hore Pferde im Galopp! Zwei! Es sind sie gewi?.

Gotz. Fuhr mein Pferd heraus! Hans soll aufsitzen. - Lebt wohl, teurer Bruder, Gott geleit Euch! Seid mutig und geduldig. Gott wird Euch Raum geben.

Martin. Ich bitt um Euern Namen.

Gotz. Verzeiht mir. Lebt wohl! (Er reicht ihm die linke Hand.)

Martin. Warum reicht Ihr mir die Linke? Bin ich die ritterliche Rechte nicht wert?

Gotz. Und wenn Ihr der Kaiser wart, Ihr mu?tet mit dieser vorliebnehmen. Meine Rechte, obgleich im Kriege nicht unbrauchbar, ist gegen den Druck der Liebe unempfindlich: sie ist eins mit ihrem Handschuh; Ihr seht, er ist Eisen.

Martin. So seid Ihr Gotz von Berlichingen! Ich danke dir, Gott, da? du mich ihn hast sehen lassen, diesen Mann, den die Fursten hassen und zu dem die Bedrangten sich wenden! (Er nimmt ihm die rechte Hand.) La?t mir diese Hand, la?t mich sie kussen!

Gotz. Ihr sollt nicht.

Martin. La?t mich! Du, mehr wert als Reliquienhand, durch die das heiligste Blut geflossen ist, totes Werkzeug, belebt durch des edelsten Geistes Vertrauen auf Gott!

Gotz (setzt den Helm auf und nimmt die Lanze).

Martin. Es war ein Monch bei uns vor Jahr und Tag, der Euch besuchte, wie sie Euch abgeschossen ward vor Landshut. Wie er uns erzahlte, was Ihr littet, und wie sehr es Euch schmerzte, zu Eurem Beruf verstummelt zu sein, und wie Euch einfiel, von einem gehort zu haben, der auch nur eine Hand hatte und als tapferer Reitersmann doch noch lange diente - ich werde das nie vergessen.

(Die zwei Knechte kommen.)

Gotz (zu ihnen. Sie reden heimlich).

Martin (fahrt inzwischen fort). Ich werde das nie vergessen, wie er im edelsten einfaltigsten Vertrauen auf Gott sprach: >Und wenn ich zwolf Hand hatte und deine Gnad wollt mir nicht, was wurden sie mir fruchten? So kann ich mit einer< -

Gotz. In den Haslacher Wald also. (Kehrt sich zu Martin.) Lebt wohl, werter Bruder Martin. (Ku?t ihn.)

Martin. Verge?t mich nicht, wie ich Euer nicht vergesse.

(Gotz ab.)

Martin. Wie mir's so eng ums Herz ward, da ich ihn sah. Er redete nichts, und mein Geist konnte doch den seinigen unterscheiden. Es ist eine Wollust, einen gro?en Mann zu sehn.

Georg. Ehrwurdiger Herr, Ihr schlaft doch bei uns?

Martin. Kann ich ein Bett haben?

Georg. Nein, Herr! ich kenne Betten nur vom Horensagen, in unsrer Herberg ist nichts als Stroh.

Martin. Auch gut. Wie hei?t du?

Georg. Georg, ehrwurdiger Herr!

Martin. Georg! da hast du einen tapfern Patron.

Georg. Sie sagen, er sei ein Reiter gewesen; das will ich auch sein.

Martin. Warte! (Zieht ein Gebetbuch hervor und gibt dem Buben einen Heiligen.) Da hast du ihn. Folge seinem Beispiel, sei brav und furchte Gott! (Martin geht.)

Georg. Ach ein schoner Schimmel! wenn ich einmal so einen hatte! - und die goldene Rustung! - Das ist ein garstiger Drach - Jetzt schie? ich nach Sperlingen - Heiliger Georg! mach mich gro? und stark, gib mir so eine Lanze, Rustung und Pferd, dann la? mir die Drachen kommen!

Jagsthausen. Gotzens Burg
Elisabeth. Maria. Karl, sein Sohnchen.

Karl. Ich bitte dich, liebe Tante, erzahl mir das noch einmal vom frommen Kind, 's is gar zu schon.

Maria. Erzahl du mir's, kleiner Schelm, da will ich horen, ob du achtgibst.

Karl. Wart e bis, ich will mich bedenken. - Es war einmal - ja - es war einmal ein Kind, und sein Mutter war krank, da ging das Kind hin -

Maria. Nicht doch. Da sagte die Mutter: >Liebes Kind< -

Karl. >Ich bin krank< -

Maria. >Und kann nicht ausgehn< -

Karl. Und gab ihm Geld und sagte. >Geh hin, und hol dir ein Fruhstuck.< Da kam ein armer Mann -

Maria. Das Kind ging, da begegnet' ihm ein alter Mann, der war - nun Karl!

Karl. Der war - alt -

Maria. Freilich! der kaum mehr gehen konnte, und sagte. >Liebes Kind< -

Karl. >Schenk mir was, ich habe kein Brot gessen gestern und heut.< Da gab ihm 's Kind das Geld -

Maria. Das fur sein Fruhstuck sein sollte.

Karl. Da sagte der alte Mann -

Maria. Da nahm der alte Mann das Kind -

Karl. Bei der Hand, und sagte - und ward ein schoner glanzender Heiliger, und sagte: - >Liebes Kind< -

Maria. >Fur deine Wohltatigkeit belohnt dich die Mutter Gottes durch mich: welchen Kranken du an ruhrst< -

Karl. >Mit der Hand< - es war die rechte, glaub ich.

Maria. Ja.

Karl. >Der wird gleich gesund.<

Maria. Da lief das Kind nach Haus und konnt fur Freuden nichts reden.

Karl. Und fiel seiner Mutter um den Hals und weinte fur Freuden -

Maria. Da rief die Mutter: >Wie ist mir!< und war - nun Karl!

Karl. Und war - und war -

Maria. Du gibst schon nicht acht! - und war gesund. Und das Kind kurierte Konig und Kaiser, und wurde so reich, da? es ein gro?es Kloster bauete.

Elisabeth. Ich kann nicht begreifen, wo mein Herr bleibt. Schon funf Tag und Nachte, da? er weg ist, und er hoffte so bald seinen Streich auszufuhren.

Maria. Mich angstigt's lang. Wenn ich so einen Mann haben sollte, der sich immer Gefahren aussetzte, ich sturbe im ersten Jahr.

Elisabeth. Dafur dank ich Gott, da? er mich harter zusammengesetzt hat.

Karl. Aber mu? dann der Vater ausreiten, wenn's so gefahrlich ist?

Maria. Es ist sein guter Wille so.

Elisabeth. Wohl mu? er, lieber Karl.

Karl. Warum?

Elisabeth. Wei?t du noch, wie er das letztemal ausritt, da er dir Weck mitbrachte?

Karl. Bringt er mir wieder mit?

Elisabeth. Ich glaub wohl. Siehst du, da war ein Schneider von Stuttgart, der war ein trefflicher Bogenschutz, und hatte zu Koln auf'm Schie?en das Beste gewonnen.

Karl. War's viel?

Elisabeth. Hundert Taler. Und darnach wollten sie's ihm nicht geben.

Maria. Gelt, das ist garstig, Karl?

Karl. Garstige Leut!

Elisabeth. Da kam der Schneider zu deinem Vater und bat ihn, er mochte ihm zu seinem Geld verhelfen. Und da ritt er aus und nahm den Kolnern ein paar Kaufleute weg, und plagte sie so lang, bis sie das Geld herausgaben. Warst du nicht auch ausgeritten?

Karl. Nein! da mu? man durch einen dicken, dicken Wald, sind Zigeuner und Hexen drin.

Elisabeth. Ist ein rechter Bursch, furcht sich vor Hexen!

Maria. Du tust besser, Karl! leb du einmal auf deinem Schlo? als ein frommer christlicher Ritter. Auf seinen eigenen Gutern findet man zum Wohltun Gelegenheit genug. Die rechtschaffensten Ritter begehen mehr Ungerechtigkeit als Gerechtigkeit auf ihren Zugen.

Elisabeth. Schwester, du wei?t nicht, was du redst. Gebe nur Gott, da? unser Junge mit der Zeit braver wird, und dem Weislingen nicht nachschlagt, der so treulos an meinem Mann handelt.

Maria. Wir wollen nicht richten, Elisabeth. Mein Bruder ist sehr erbittert, du auch. Ich bin bei der ganzen Sache mehr Zuschauer, und kann billiger sein.

Elisabeth. Er ist nicht zu entschuldigen.

Maria. Was ich von ihm gehort, hat mich eingenommen. Erzahlte nicht selbst dein Mann so viel Liebes und Gutes von ihm! Wie glucklich war ihre Jugend, als sie zusammen Edelknaben des Markgrafen waren!

Elisabeth. Das mag sein. Nur sag, was kann der Mensch je Gutes gehabt haben, der seinem besten treusten Freunde nachstellt, seine Dienste den Feinden meines Mannes verkauft, und unsern trefflichen Kaiser der uns so gnadig ist, mit falschen widrigen Vorstellungen einzunehmen sucht.

Karl. Der Vater! der Vater! Der Turner blast 's Liedel: >Heisa, mach 's Tor auf.<

Elisabeth. Da kommt er mit Beute.

(Ein Reiter kommt.)

Reiter. Wir haben, gejagt! wir haben gefangen! Gott gru? Euch, edle Frauen.

Elisabeth. Habt ihr den Weislingen?

Reiter. Ihn und drei Reiter.

Elisabeth. Wie ging's zu, da? ihr so lang ausbleibt?

Reiter. Wir lauerten auf ihn zwischen Nurnberg und Bamberg, er wollte nicht kommen, und wir wu?ten doch, er war auf dem Wege. Endlich kundschaften wir ihn aus: er war seitwarts gezogen, und sa? geruhig beim Grafen auf dem Schwarzenberg.

Elisabeth. Den mochten sie auch gern meinem Mann feind haben.

Reiter. Ich sagt's gleich dem Herrn. Auf! und wir ritten in Haslacher Wald. Und da war's kurios: wie wir so in die Nacht reiten, hut just ein Schafer da, und fallen funf Wolf in die Herd und packten weidlich an. Da lachte unser Herr und sagte: >Gluck zu, liebe Gesellen! Gluck uberall und uns auch!< Und es freuet' uns all das gute Zeichen. Indem so kommt der Weislingen hergeritten mit vier Knechten.

Maria. Das Herz zittert mir im Leibe.

Reiter. Ich und mein Kamerad, wie's der Herr befohlen hatte, nistelten uns an ihn, als waren wir zusammengewachsen, da? er sich nicht regen noch ruhren konnte, und der Herr und der Hans fielen uber die Knechte her und nahmen sie in Pflicht. Einer ist entwischt.

Elisabeth. Ich bin neugierig, ihn zu sehn. Kommen sie bald?

Reiter. Sie reiten das Tal herauf, in einer Viertelstund sind sie hier.

Maria. Er wird niedergeschlagen sein.

Reiter. Finster genug sieht er aus.

Maria. Sein Anblick wird mir im Herzen weh tun.

Elisabeth. Ah! - Ich will gleich das Essen zurecht machen. Hungrig werdet ihr doch alle sein.

Reiter. Rechtschaffen.

Elisabeth. Nimm den Kellerschlussel und hol vom besten Wein! Sie haben ihn verdient. (Ab.)

Karl. Ich will mit, Tante.

Maria. Komm, Bursch. (Ab.)

Reiter. Der wird nicht sein Vater, sonst ging' er mit in Stall!

(Gotz. Weislingen. Reitersknechte.)

Gotz (Helm und Schwert auf den Tisch legend). Schnallt mir den Harnisch auf, und gebt mir mein Wams. Die Bequemlichkeit wird mir wohl tun. Bruder Martin, du sagtest recht - Ihr habt uns in Atem erhalten, Weislingen.

Weislingen (antwortet nichts, auf und ab gehend).

Gotz. Seid gutes Muts. Kommt, entwaffnet Euch. Wo sind Eure Kleider? Ich hoffe, es soll nichts verlorengegangen sein. (Zum Knecht.) Frag seine Knechte, und offnet das Gepacke, und seht zu, da? nichts abhanden komme. Ich konnt Euch auch von den meinigen borgen.

Weislingen. La?t mich so, es ist all eins.

Gotz. Konnt Euch ein hubsches saubres Kleid geben, ist zwar nur leinen. Mir ist's zu eng worden. Ich hatt's auf der Hochzeit meines gnadigen Herrn des Pfalzgrafen an, eben damals, als Euer Bischof so giftig uber mich wurde. Ich hatt' ihm, vierzehn Tag vorher, zwei Schiff auf dem Main niedergeworfen. Und ich geh mit Franzen von Sickingen im Wirtshaus zum Hirsch in Heidelberg die Trepp hinauf. Eh man noch ganz droben ist, ist ein Absatz und ein eisen Gelanderlein, da stund der Bischof und gab Franzen die Hand, wie er vorbeiging, und gab sie mir auch, wie ich hintendrein kam. Ich lacht in meinem Herzen, und ging zum Landgrafen von Hanau, der mir gar ein lieber Herr war, und sagte: >Der Bischof hat mir die Hand geben, ich wett, er hat mich nicht gekannt.< Das hort' der Bischof, denn ich red't laut mit Flei?, und kam zu uns trotzig - und sagte: >Wohl, weil ich Euch nicht kannt hab, gab ich Euch die Hand.Herre, ich merkt's wohl, da? Ihr mich nicht kanntet, und hiermit habt Ihr Eure Hand wieder.< Da ward das Mannlein so rot am Hals wie ein Krebs vor Zorn und lief in die Stube zu Pfalzgraf Ludwig und dem Fursten von Nassau und klagt's ihnen. Wir haben nachher uns oft was druber zugute getan.

Weislingen. Ich wollt, Ihr lie?t mich allein.

Gotz. Warum das? Ich bitt Euch, seid aufgeraumt. Ihr seid in meiner Gewalt, und ich werd sie nicht mi?brauchen.

Weislingen. Dafur war mir's noch nicht bange. Das ist Eure Ritterpflicht.

Gotz. Und Ihr wi?t, da? die mir heilig ist.

Weislingen. Ich bin gefangen; das ubrige ist eins.

Gotz. Ihr solltet nicht so reden. Wenn Ihr's mit Fursten zu tun hattet, und sie Euch in tiefen Turn an Ketten aufhingen, und der Wachter Euch den Schlaf wegpfeifen mu?te!

(Die Knechte mit den Kleidern.)

Weislingen (zieht sich aus und an).

(Karl kommt.)

Karl. Guten Morgen, Vater!

Gotz (ku?t ihn). Guten Morgen, Junge. Wie habt ihr die Zeit gelebt?

Karl. Recht geschickt, Vater! Die Tante sagt: ich sei recht geschickt.

Gotz. So!

Karl. Hast du mir was mitgebracht?

Gotz. Diesmal nicht.

Karl. Ich hab viel gelernt.

Gotz. Ei!

Karl. Soll ich dir vom frommen Kind erzahlen?

Gotz. Nach Tische.

Karl. Ich wei? noch was.

Gotz. Was wird das sein?

Karl. Jagsthausen ist ein Dorf und Schlo? an der Jagst, gehort seit zweihundert Jahren den Herrn von Berlichingen erb- und eigentumlich zu.

Gotz. Kennst du den Herrn von Berlichingen?

Karl (sieht ihn starr an).

Gotz (vor sich). Er kennt wohl vor lauter Gelehrsamkeit seinen Vater nicht. - Wem gehort Jagsthausen?

Karl. Jagsthausen ist ein Dorf und Schlo? an der Jagst.

Gotz. Das frag ich nicht. - Ich kannte alle Pfade, Weg und Furten, eh ich wu?te, wie Flu?, Dorf und Burg hie?. - Die Mutter ist in der Kuche?

Karl. Ja, Vater! Sie kocht wei?e Ruben und ein Lammsbraten.

Gotz. Wei?t du's auch, Hans Kuchenmeister?

Karl. Und fur mich zum Nachtisch hat die Tante einen Apfel gebraten.

Gotz. Kannst du sie nicht roh essen?

Karl. Schmeckt so besser.

Gotz. Du mu?t immer was Apartes haben. - Weislingen! ich bin gleich wieder bei Euch. Ich mu? meine Frau doch sehn. Komm mit, Karl.

Karl. Wer ist der Mann?

Gotz. Gru? ihn. Bitt ihn, er soll lustig sein.

Karl. Da, Mann! hast du eine Hand, sei lustig, das Essen ist bald fertig.

Weislingen (hebt ihn in die Hoh und ku?t ihn). Gluckliches Kind! das kein Ubel kennt, als wenn die Suppe lang ausbleibt. Gott la? Euch viel Freud am Knaben erleben, Berlichingen.

Gotz. Wo viel Licht ist, ist starker Schatten - doch war mir's willkommen. Wollen sehn, was es gibt.

(Sie gehn.)

Weislingen. O da? ich aufwachte! und das alles ware ein Traum! In Berlichingens Gewalt! von dem ich mich kaum losgearbeitet habe, dessen Andenken ich mied wie Feuer, den ich hoffte zu uberwaltigen! Und er - der alte treuherzige Gotz! Heiliger Gott, was will, will aus dem allen werden? Ruckgefuhrt, Adelbert, in den Saal! wo wir als Buben unsere Jagd trieben - da du ihn liebtest, an ihm hingst wie an deiner Seele. Wer kann ihm nahen und ihn hassen? Ach! ich bin so ganz nichts hier! Gluckselige Zeiten, ihr seid vorbei, da noch der alte Berlichingen hier am Kamin sa?, da wir um ihn durcheinander spielten und uns liebten wie die Engel. Wie wird sich der Bischof angstigen, und meine Freunde. Ich wei?, das ganze Land nimmt teil an meinem Unfall. Was ist's! Konnen sie mir geben, wornach ich strebe?

Gotz (mit einer Flasche Wein und Becher). Bis das Essen fertig wird, wollen wir eins trinken. Kommt, setzt Euch, tut, als wenn Ihr zu Hause wart! Denkt, Ihr seid einmal wieder beim Gotz. Haben doch lange nicht beisammengesessen, lang keine Flasche miteinander ausgestochen. (Bringt's ihm.) Ein frohlich Herz!

Weislingen. Die Zeiten sind vorbei.

Gotz. Behute Gott! Zwar vergnugtere Tage werden wir wohl nicht wieder finden als an des Markgrafen Hof, da wir noch beisammenschliefen und miteinander umherzogen. Ich erinnere mich mit Freuden meiner Jugend. Wi?t Ihr noch, wie ich mit dem Polacken Handel kriegte, dem ich sein gepicht und gekrauselt Haar von ungefahr mit dem Armel verwischt?

Weislingen. Es war bei Tische, und er stach nach Euch mit dem Messer.

Gotz. Den schlug ich wacker aus dazumal, und daruber wurdet Ihr mit seinem Kameraden zu Unfried. Wir hielten immer redlich zusammen als gute brave Jungen, dafur erkennte uns auch jedermann. (Schenkt ein und bringt's.) Kastor und Pollux! Mir tat's immer im Herzen wohl, wenn uns der Markgraf so nannte.

Weislingen. Der Bischof von Wurzburg hatte es aufgebracht.

Gotz. Das war ein gelehrter Herr, und dabei so leutselig. Ich erinnere mich seiner, so lange ich lebe, wie er uns liebkoste, unsere Eintracht lobte und den Menschen glucklich pries, der ein Zwillingsbruder seines Freundes ware.

Weislingen. Nichts mehr davon!

Gotz. Warum nicht? Nach der Arbeit wu?t ich nichts Angenehmers, als mich des Vergangenen zu erinnern. Freilich, wenn ich wieder so bedenke, wie wir Liebs und Leids zusammen trugen, einander alles waren, und wie ich damals wahnte, so sollt's unser ganzes Leben sein! War das nicht all mein Trost,, wie mir diese Hand weggeschossen ward vor Landshut, und du mein pflegtest und mehr als Bruder fur mich sorgtest? Ich hoffte, Adelbert wird kunftig meine rechte Hand sein. Und nun -

Weislingen. Oh!

Gotz. Wenn du mir damals gefolgt hattest, da ich dir anlag, mit nach Brabant zu ziehen, es ware alles gut geblieben. Da hielt dich das ungluckliche Hofleben und das Schlenzen und Scherwenzen mit den Weibern. Ich sagt es dir immer, wenn du dich mit den eiteln garstigen Vetteln abgabst und ihnen erzahltest von mi?vergnugten Ehen, verfuhrten Madchen, der rauhen Haut einer Dritten, oder was sie sonst gerne horen: >Du wirst ein Spitzbub<, sagt ich, >Adelbert.<

Weislingen. Wozu soll das alles?

Gotz. Wollte Gott, ich konnt's vergessen, oder es war anders! Bist du nicht ebenso frei, so edel geboren als einer in Deutschland, unabhangig, nur dem Kaiser untertan, und du schmiegst dich unter Vasallen? Was hast du von dem Bischof? Weil er dein Nachbar ist? dich necken konnte? Hast du nicht Arme und Freunde, ihn wieder zu necken? Verkennst den Wert eines freien Rittersmanns, der nur abhangt von Gott, seinem Kaiser und sich selbst! Verkriechst dich zum ersten Hofschranzen eines eigensinnigen neidischen Pfaffen!

Weislingen. La?t mich reden.

Gotz. Was hast du zu sagen?

Weislingen. Du siehst die Fursten an, wie der Wolf den Hirten. Und doch, darfst du sie schelten, da? sie ihrer Leut und Lander Bestes wahren? Sind sie denn einen Augenblick vor den ungerechten Rittern sicher, die ihre Untertanen auf allen Stra?en anfallen, ihre Dorfer und Schlosser verheeren? Wenn nun auf der andern Seite unsers teuern Kaisers Lander der Gewalt des Erbfeindes ausgesetzt sind, er von den Standen Hulfe begehrt, und sie sich kaum ihres Lebens erwehren: ist's nicht ein guter Geist, der ihnen einrat, auf Mittel zu denken, Deutschland zu beruhigen, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, um einen jeden, Gro?en und Kleinen, die Vorteile des Friedens genie?en zu machen? Und uns verdenkst du's, Berlichingen, da? wir uns in ihren Schutz begeben, deren Hulfe uns nah ist, statt da? die entfernte Majestat sich selbst nicht beschutzen kann.

Gotz. Ja! ja! Ich versteh! Weislingen, waren die Fursten, wie Ihr sie schildert, wir hatten alle, was wir begehren. Ruh und Frieden! Ich glaub's wohl! Den wunscht jeder Raubvogel, die Beute nach Bequemlichkeit zu verzehren. Wohlsein eines jeden! Da? sie sich nur darum graue Haare wachsen lie?en! Und mit unserm Kaiser spielen sie auf eine unanstandige Art. Er meint's gut und mocht gern bessern. Da kommt denn alle Tage ein neuer Pfannenflicker und meint so und so. Und weil der Herr geschwind etwas begreift, und nur reden darf, um tausend Hande in Bewegung zu setzen, so denkt er, es war auch alles so geschwind und leicht ausgefuhrt. Nun ergehn Verordnungen uber Verordnungen, und wird eine uber die andere vergessen; und was den Fursten in ihren Kram dient, da sind sie hinterher, und gloriieren von Ruh und Sicherheit des Reichs, bis sie die Kleinen unterm Fu? haben. Ich will darauf schworen, es dankt mancher in seinem Herzen Gott, da? der Turk dem Kaiser die Waage halt.

Weislingen. Ihr seht's von Eurer Seite.

Gotz. Das tut jeder. Es ist die Frage, auf welcher Licht und Recht ist, und eure Gange scheuen wenigstens den Tag.

Weislingen. Ihr durft reden, ich bin der Gefangne.

Gotz. Wenn Euer Gewissen rein ist, so seid Ihr frei. Aber wie war's um den Landfrieden? Ich wei? noch, als ein Bub von sechzehn Jahren war ich mit dem Markgrafen auf dem Reichstag. Was die Fursten da fur weite Mauler machten, und die Geistlichen am argsten. Euer Bischof larmte dem Kaiser die Ohren voll, als wenn ihm wunder wie! die Gerechtigkeit ans Herz gewachsen ware; und jetzt wirft er mir selbst einen Buben nieder, zur Zeit da unsere Handel vertragen sind, ich an nichts Boses denke. Ist nicht alles zwischen uns geschlichtet? Was hat er mit dem Buben?

Weislingen. Es geschah ohne sein Wissen.

Gotz. Warum gibt er ihn nicht wieder los?

Weislingen. Er hat sich nicht aufgefuhrt, wie er sollte.

Gotz. Nicht wie er sollte? Bei meinem Eid, er hat getan, wie er sollte, so gewi? er mit Eurer und des Bischofs Kundschaft gefangen ist. Meint Ihr, ich komm erst heut auf die Welt, da? ich nicht sehen soll, wo alles hinaus will?

Weislingen. Ihr seid argwohnisch und tut uns unrecht.

Gotz. Weislingen, soll ich von der Leber weg reden? Ich bin euch ein Dorn in den Augen, so klein ich bin, und der Sickingen und Selbitz nicht weniger, weil wir fest entschlossen sind, zu sterben eh, als jemanden die Luft zu verdanken, au?er Gott, und unsere Treu und Dienst zu leisten, als dem Kaiser. Da ziehen sie nun um mich herum, verschwarzen mich bei Ihro Majestat und ihren Freunden und meinen Nachbarn, und spionieren nach Vorteil uber mich. Aus dem Wege wollen sie mich haben, wie's ware. Darum nahmt ihr meinen Buben gefangen, weil ihr wu?tet, ich hatt' ihn auf Kundschaft ausgeschickt; und darum tat er nicht, was er sollte, weil er mich nicht an euch verriet. Und du, Weislingen, bist ihr Werkzeug!

Weislingen. Berlichingen!

Gotz. Kein Wort mehr davon! Ich bin ein Feind von Explikationen; man betriegt sich oder den andern, und meist beide.

Karl. Zu Tisch, Vater.

Gotz. Frohliche Botschaft! - Kommt! ich hoffe, meine Weibsleute sollen Euch munter machen. Ihr wart sonst ein Liebhaber, die Fraulein wu?ten von Euch zu erzahlen. Kommt! (Ab.)


Im bischoflichen Palaste zu Bamberg
Der Speisesaal
Bischof von Bamberg. Abt von Fulda. Olearius. Liebetraut. Hofleute.
An Tafel. Der Nachtisch und die gro?en Pokale werden aufgetragen.

Bischof. Studieren jetzt viele Deutsche von Adel zu Bologna?

Olearius. Vom Adel- und Burgerstande. Und ohne Ruhm zu melden, tragen sie das gro?te Lob davon. Man pflegt im Sprichwort auf der Akademie zu sagen: >So flei?ig wie ein Deutscher von Adel.< Denn indem die Burgerlichen einen ruhmlichen Flei? anwenden, durch Talente den Mangel der Geburt zu ersetzen, so bestreben sich jene, mit ruhmlicher Wetteiferung, ihre angeborne Wurde durch die glanzendsten Verdienste zu erhohen.

Abt. Ei!

Liebetraut. Sag einer, was man, nicht erlebet. So flei?ig wie ein Deutscher von Adel! Das hab ich mein Tage nicht gehort.

Olearius. Ja, sie sind die Bewunderung der ganzen Akademie. Es werden ehestens einige von den altesten und geschicktesten als Doktores zuruckkommen. Der Kaiser wird glucklich sein, die ersten Stellen damit besetzen zu konnen.

Bischof. Das kann nicht fehlen.

Abt. Kennen Sie nicht zum Exempel einen Junker? - Er ist aus Hessen -

Olearius. Es sind viel Hessen da.

Abt. Er hei?t - er ist - Wei? es keiner von euch? - Seine Mutter war eine von - Oh! Sein Vater hatte nur ein Aug - und war Marschall.

Liebetraut. Von Wildenholz?

Abt. Recht - von Wildenholz.

Olearius. Den kenn ich wohl, ein junger Herr von vielen Fahigkeiten. Besonders ruhmt man ihn wegen seiner Starke im Disputieren.

Abt. Das hat er von seiner Mutter.

Liebetraut. Nur wollte sie ihr Mann niemals drum ruhmen.

Bischof. Wie sagtet Ihr, da? der Kaiser hie?, der Euer >Corpus Juris< geschrieben hat?

Olearius. Justinianus.

Bischof. Ein trefflicher Herr! er soll leben!

Olearius. Sein Andenken!

(Sie trinken.)

Abt. Es mag ein schon Buch sein.

Olearius. Man mocht's wohl ein Buch aller Bucher nennen; eine Sammlung aller Gesetze; bei jedem Fall der Urteilsspruch bereit; und was ja noch abgangig oder dunkel ware, ersetzen die Glossen, womit die gelehrtesten Manner das vortrefflichste Werk geschmuckt haben.

Abt. Eine Sammlung aller Gesetze! Potz! Da mussen wohl auch die Zehn Gebote drin sein.

Olearius. Implicite wohl, nicht explicite.

Abt. Das mein ich auch, an und vor sich, ohne weitere Explikation.

Bischof. Und was das Schonste ist, so konnte, wie Ihr sagt, ein Reich in sicherster Ruhe und Frieden leben, wo es vollig eingefuhrt und recht gehandhabt wurde.

Olearius. Ohne Frage.

Bischof. Alle Doctores Juris!

Olearius. Ich werd's zu ruhmen wissen. (Sie trinken.) Wollte Gott, man sprache so in meinem Vaterlande!

Abt. Wo seid Ihr her, hochgelahrter Herr?

Olearius. Von Frankfurt am Main, Ihro Eminenz zu dienen.

Bischof. Steht ihr Herrn da nicht wohl angeschrieben? Wie kommt das?

Olearius. Sonderbar genug. Ich war da, meines Vaters Erbschaft abzuholen; der Pobel hatte mich fast gesteinigt, wie er horte, ich sei ein Jurist.

Abt. Behute Gott!

Olearius. Aber das kommt daher: Der Schoppenstuhl, der in gro?em Ansehn weit umher steht, ist mit lauter Leuten besetzt, die der Romischen Rechte unkundig sind. Man glaubt, es sei genug, durch Alter und Erfahrung sich eine genaue Kenntnis des innern und au?ern Zustandes der Stadt zu erwerben. So werden, nach altem Herkommen und wenigen Statuten, die Burger und die Nachbarschaft gerichtet.

Abt. Das ist wohl gut.

Olearius. Aber lange nicht genug. Der Menschen Leben ist kurz, und in einer Generation kommen nicht alle Kasus vor. Eine Sammlung solcher Falle von vielen Jahrhunderten ist unser Gesetzbuch. Und dann ist der Wille und die Meinung der Menschen schwankend; dem deucht heute das recht, was der andere morgen mi?billiget; und so ist Verwirrung und Ungerechtigkeit unvermeidlich. Das alles bestimmen die Gesetze; und die Gesetze sind unveranderlich.

Abt. Das ist freilich besser.

Olearius. Das erkennt der Pobel nicht, der, so gierig er auf Neuigkeiten ist, das Neue hochst verabscheuet, das ihn aus seinem Gleise leiten will, und wenn er sich noch so sehr dadurch verbessert. Sie halten den Juristen so arg, als einen Verwirrer des Staats, einen Beutelschneider, und sind wie rasend, wenn einer dort sich niederzulassen gedenkt.

Liebetraut. Ihr seid von Frankfurt! Ich bin wohl da bekannt. Bei Kaiser Maximilians Kronung haben wir Euern Brautigams was vorgeschmaust. Euer Name ist Olearius? Ich kenne so niemanden.

Olearius. Mein Vater hie? Ohlmann. Nur, den Mi?stand auf dem Titel meiner lateinischen Schriften zu vermeiden, nenn ich mich, nach dem Beispiel und auf Anraten wurdiger Rechtslehrer, Olearius.

Liebetraut. Ihr tatet wohl, da? Ihr Euch ubersetztet. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, es hatt' Euch in Eurer Muttersprache auch so gehen konnen.

Olearius. Es war nicht darum.

Liebetraut. Alle Dinge haben ein paar Ursachen.

Abt. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande!

Liebetraut. Wi?t Ihr auch warum, hochwurdiger Herr?

Abt. Weil er da geboren und erzogen ist.

Liebetraut. Wohl! Das mag die eine Ursache sein. Die andere ist: Weil, bei einer naheren Bekanntschaft mit den Herrn, der Nimbus von Ehrwurdigkeit und Heiligkeit wegschwindet, den uns eine neblichte Ferne um sie herumlugt; und dann sind sie ganz kleine Stumpfchen Unschlitt.

Olearius. Es scheint, Ihr seid dazu bestellt, Wahrheiten. zu sagen.

Liebetraut. Weil ich 's Herz dazu hab, so fehlt mir's nicht am Maul.

Olearius. Aber doch an Geschicklichkeit, sie wohl anzubringen.

Liebetraut. Schropfkopfe sind wohl angebracht, wo sie ziehen.

Olearius. Bader erkennt man an der Schurze und nimmt in ihrem Amte ihnen nichts ubel. Zur Vorsorge tatet Ihr wohl, wenn Ihr eine Schellenkappe trugt.

Liebetraut. Wo habt Ihr promoviert? Es ist nur zur Nachfrage, wenn mir einmal der Einfall kame, da? ich gleich vor die rechte Schmiede ginge.

Olearius. Ihr seid verwegen.

Liebetraut. Und Ihr sehr breit.

(Bischof und Abt lachen.)

Bischof. Von was anders! - Nicht so hitzig, ihr Herrn. Bei Tisch geht alles drein - Einen andern Diskurs, Liebetraut!

Liebetraut. Gegen Frankfurt liegt ein Ding uber, hei?t Sachsenhausen -

Olearius (zum Bischof). Was spricht man vom Turkenzug, Ihro Furstliche Gnaden?

Bischof. Der Kaiser hat nichts Angelegners, als vorerst das Reich zu beruhigen, die Fehden abzuschaffen und das Ansehn der Gerichte zu befestigen. Dann, sagt man, wird er personlich gegen die Feinde des Reichs und der Christenheit ziehen. Jetzt machen ihm seine Privathandel noch zu tun, und das Reich ist, trotz ein vierzig Landfrieden, noch immer eine Mordergrube. Franken, Schwaben, der Oberrhein und die angrenzenden Lander werden von ubermutigen und kuhnen Rittern verheeret. Sickingen, Selbitz mit einem Fu?, Berlichingen mit der eisernen Hand spotten in diesen Gegenden des kaiserlichen Ansehens -

Abt. Ja, wenn Ihro Majestat nicht bald dazu tun, so stecken einen die Kerl am End in Sack.

Liebetraut. Das mu?t ein Kerl sein, der das Weinfa? von Fuld in den Sack schieben wollte.

Bischof. Besonders ist der letzte seit vielen Jahren mein unversohnlicher Feind, und molestiert mich unsaglich; aber es soll nicht lang mehr wahren, hoff ich. Der Kaiser halt jetzt seinen Hof zu Augsburg. Wir haben unsere Ma?regeln genommen, es kann uns nicht fehlen. - Herr Doktor, kennt Ihr Adelberten von Weislingen?

Olearius. Nein, Ihro Eminenz.

Bischof. Wenn Ihr die Ankunft dieses Mannes erwartet, werdet Ihr Euch freuen, den edelsten, verstandigsten und angenehmsten Ritter in einer Person zu sehen.

Olearius. Es mu? ein vortrefflicher Mann sein, der solche Lobeserhebungen aus solch einem Munde verdient.

Liebetraut. Er ist auf keiner Akademie gewesen.

Bischof. Das wissen wir. (Die Bedienten laufen ans Fenster.) Was gibt's?

Ein Bedienter. Eben reit Farber, Weislingens Knecht, zum Schlo?tor herein.

Bischof. Seht, was er bringt, er wird ihn melden.

(Liebetraut geht. Sie stehn auf und trinken noch eins. -
Liebetraut kommt zuruck.)

Bischof. Was fur Nachrichten?

Liebetraut. Ich wollt, es mu?t sie Euch ein andrer sagen. Weislingen ist gefangen.

Bischof. Oh!

Liebetraut. Berlichingen hat ihn und drei Knechte bei Haslach weggenommen. Einer ist entronnen, Euch's anzusagen.

Abt. Eine Hiobspost.

Olearius. Es tut mir von Herzen leid.

Bischof. Ich will den Knecht sehn, bringt ihn herauf - Ich will ihn selbst sprechen. Bringt ihn in mein Kabinett. (Ab.)

Abt (setzt sich). Noch einen Schluck.

(Die Knechte schenken ein.)

Olearius. Belieben Ihro Hochwurden nicht eine kleine Promenade in den Garten zu machen? Post coenam stabis seu passus mille meabis.

Liebetraut. Wahrhaftig, das Sitzen ist Ihnen nicht gesund. Sie kriegen. noch einen Schlagflu?.

Abt (hebt sich auf).

Liebetraut (vor sich). Wann ich ihn nur drau?en hab, will ich ihm furs Exerzitium sorgen.

(Gehn ab.)

Jagsthausen
Maria. Weislingen.

Maria. Ihr liebt mich, sagt Ihr. Ich glaub es gerne und hoffe, mit Euch glucklich zu sein und Euch glucklich zu machen.

Weislingen. Ich fuhle nichts, als nur da? ich ganz dein bin. (Er umarmt sie.)

Maria. Ich bitte Euch, la?t mich. Einen Ku? hab ich Euch zum Gottespfennig erlaubt; Ihr scheint aber schon von dem Besitz nehmen zu wollen, was nur unter Bedingungen Euer ist.

Weislingen. Ihr seid zu streng, Maria! Unschuldige Liebe erfreut die Gottheit, statt sie zu beleidigen.

Maria. Es sei! Aber ich bin nicht dadurch erbaut. Man lehrte mich: Liebkosungen sein wie Ketten, stark durch ihre Verwandtschaft, und Madchen, wenn sie liebten, sein schwacher als Simson nach Verlust seiner Locken.

Weislingen. Wer lehrte Euch das?

Maria. Die Abtissin meines Klosters. Bis in mein sechzehntes Jahr war ich bei ihr, und nur mit Euch empfind ich das Gluck, das ich in ihrem Umgang geno?. Sie hatte geliebt und durfte reden. Sie hatte ein Herz voll Empfindung! Sie war eine vortreffliche Frau.

Weislingen. Da glich sie dir! (Er nimmt ihre Hand.) Wie wird mir's werden, wenn ich Euch verlassen soll!

Maria (zieht ihre Hand zuruck). Ein bi?chen eng, hoff ich, denn ich wei?, wie's mir sein wird. Aber Ihr sollt fort.

Weislingen. Ja, meine Teuerste, und ich will. Denn ich fuhle, welche Seligkeiten ich mir durch dies Opfer erwerbe. Gesegnet sei dein Bruder, und der Tag, an dem er auszog, mich zu fangen!

Maria. Sein Herz war voll Hoffnung fur ihn und dich. >Lebt wohl!< sagt' er beim Abschied, >ich will sehen, da? ich ihn wiederfinde.<

Weislingen. Er hat's. Wie wunscht ich, die Verwaltung meiner Guter und ihre Sicherheit nicht durch das leidige Hofleben so versaumt zu haben! Du konntest gleich die Meinige sein.

Maria. Auch der Aufschub hat seine Freuden.

Weislingen. Sage das nicht, Maria, ich mu? sonst furchten, du empfindest weniger stark als ich. Doch ich bu?e verdient; und welche Hoffnungen werden mich auf jedem Schritt begleiten! Ganz der Deine zu sein, nur in dir und dem Kreise von Guten zu leben, von der Welt entfernt, getrennt, alle Wonne zu genie?en, die so zwei Herzen, einander gewahren! Was ist die Gnade des Fursten, was der Beifall der Welt gegen diese einfache Gluckseligkeit? Ich habe viel gehofft und gewunscht, das widerfahrt mir uber alles Hoffen und Wunschen.

(Gotz kommt.)

Gotz. Euer Knab ist wieder da. Er konnte vor Mudigkeit und Hunger kaum etwas vorbringen. Meine Frau gibt ihm zu essen. So viel hab ich verstanden: der Bischof will den Knaben nicht herausgeben, es sollen Kaiserliche Kommissarien ernannt und ein Tag ausgesetzt werden, wo die Sache dann verglichen werden mag. Dem sei, wie ihm wolle, Adelbert, Ihr seid frei; ich verlange weiter nichts als Eure Hand, da? Ihr ins kunftige meinen Feinden weder offentlich noch heimlich Vorschub tun wollt.

Weislingen. Hier fa? ich Eure Hand. La?t, von diesem Augenblick an, Freundschaft und Vertrauen, gleich einem ewigen Gesetz der Natur, unveranderlich unter uns sein! Erlaubt mir zugleich, diese Hand zu fassen (er nimmt Mariens Hand) und den Besitz des edelsten Frauleins.

Gotz. Darf ich ja fur Euch sagen?

Maria. Wenn Ihr es mit mir sagt.

Gotz. Es ist ein Gluck, da? unsere Vorteile diesmal miteinander gehn. Du brauchst nicht rot zu werden. Deine Blicke sind Beweis genug. Ja denn, Weislingen! Gebt Euch die Hande, und so sprech ich Amen! - Mein Freund und Bruder! - Ich danke dir, Schwester! Du kannst mehr als Hanf spinnen. Du hast einen Faden gedreht, diesen Paradiesvogel zu fesseln. Du siehst nicht ganz frei, Adelbert! Was fehlt dir? Ich - bin ganz glucklich; was ich nur traumend hoffte, seh ich, und bin wie traumend. Ach! nun ist mein Traum aus. Mir war's heute nacht, ich gab dir meine rechte eiserne Hand, und du hieltest mich so fest, da? sie aus den Armschienen ging wie abgebrochen. Ich erschrak und wachte druber auf. Ich hatte nur forttraumen sollen, da wurd ich gesehen haben, wie du mir eine neue lebendige Hand ansetztest - Du sollst mir jetzo fort, dein Schlo? und deine Guter in vollkommenen Stand zu setzen. Der verdammte Hof hat dich beides versaumen machen. Ich mu? meiner Frau rufen. Elisabeth!

Maria. Mein Bruder ist in voller Freude.

Weislingen. Und doch darf ich ihm den Rang streitig machen.

Gotz. Du wirst anmutig wohnen.

Maria. Franken ist ein gesegnetes Land.

Weislingen. Und ich darf wohl sagen, mein Schlo? liegt in der gesegnetsten und anmutigsten Gegend.

Gotz. Das durft Ihr, und ich will's behaupten. Hier flie?t der Main, und allmahlich hebt der Berg an, der, mit Ackern und Weinbergen bekleidet, von Euerm Schlo? gekront wird, dann biegt sich der Flu? schnell um die Ecke hinter dem Felsen Eures Schlosses hin. Die Fenster des gro?en Saals gehen steil herab aufs Wasser, eine Aussicht viel Stunden weit.

(Elisabeth kommt.)

Elisabeth. Was schafft ihr?

Gotz. Du sollst deine Hand auch dazu geben und sagen: >Gott segne euch!< Sie sind ein Paar.

Elisabeth. So geschwind!

Gotz. Aber nicht unvermutet.

Elisabeth. Moget Ihr Euch so immer nach ihr sehnen als bisher, da ihr um sie warbt! Und dann! Mochtet Ihr so glucklich sein, als Ihr sie lieb behaltet!

Weislingen. Amen! Ich begehre kein Gluck als unter diesem Titel.

Gotz. Der Brautigam, meine liebe Frau, tut eine kleine Reise; denn die gro?e Veranderung zieht viel geringe nach sich. Er entfernt sich zuerst vom Bischoflichen Hof, um diese Freundschaft nach und nach erkalten zu lassen. Dann rei?t er seine Guter eigennutzigen Pachtern aus den Handen. Und - kommt, Schwester, komm, Elisabeth! Wir wollen ihn allein lassen. Sein Knab hat ohne Zweifel geheime Auftrage an ihn.

Weislingen. Nichts, als was Ihr wissen durft.

Gotz. Braucht's nicht. - Franken und Schwaben! Ihr seid nun verschwisterter als jemals. Wie wollen wir den Fursten den Daumen auf dem Aug halten!

(Die drei gehn.)

Weislingen. Gott im Himmel! Konntest du mir Unwurdigem solch eine Seligkeit bereiten? Es ist zu viel fur mein Herz. Wie ich von den elenden Menschen abhing, die ich zu beherrschen glaubte, von den Blicken des Fursten, von dem ehrerbietigen Beifall umher! Gotz, teurer Gotz, du hast mich mir selbst wiedergegeben, und, Maria, du vollendest meine Sinnesanderung. Ich fuhle mich so frei wie in heiterer Luft. Bamberg will ich nicht mehr sehen, will all die schandlichen Verbindungen durchschneiden, die mich unter mir selbst hielten. Mein Herz erweitert sich, hier ist kein beschwerliches Streben nach versagter Gro?e. So gewi? ist der allein glucklich und gro?, der weder zu herrschen noch zu gehorchen braucht, um etwas zu sein!

(Franz tritt auf.)

Franz. Gott gru? Euch, gestrenger Herr! Ich bring Euch so viel Gru?e, da? ich nicht wei?, wo anzufangen. Bamberg und zehn Meilen in die Runde entbieten Euch ein tausendfaches: Gott gru? Euch!

Weislingen. Willkommen, Franz! Was bringst du mehr?

Franz. Ihr steht in einem Andenken bei Hof und uberall, da? es nicht zu sagen. ist.

Weislingen. Das wird nicht lange dauern.

Franz. So lang Ihr lebt! und nach Eurem Tod wird's heller blinken als die messingenen Buchstaben auf einem Grabstein. Wie man sich Euern Unfall zu Herzen nahm!

Weislingen. Was sagte der Bischof?

Franz. Er war so begierig zu wissen, da? er mit geschaftiger Geschwindigkeit der Fragen meine Antwort verhinderte. Er wu?t es zwar schon; denn Farber, der von Haslach entrann, brachte ihm die Botschaft. Aber er wollte alles wissen. Er fragte so angstlich, ob Ihr nicht versehrt waret? Ich sagte: >Er ist ganz, von der au?ersten Haarspitze bis zum Nagel des kleinen Zehs.<

Weislingen. Was sagte er zu den Vorschlagen?

Franz. Er wollte gleich alles herausgeben, den Knaben und noch Geld darauf, nur Euch zu befreien. Da er aber horte, Ihr solltet ohne das loskommen und nur Euer Wort das Aquivalent gegen den. Buben sein, da wollte er absolut den Berlichingen vertagt haben. Er sagte mir hundert Sachen an Euch - ich hab sie wieder vergessen. Es war eine lange Predigt uber die Worte: >Ich kann Weislingen nicht entbehren.<

Weislingen. Er wird's lernen mussen!

Franz. Wie meint Ihr? Er sagte: >Mach ihn eilen, es wartet alles auf ihn.<

Weislingen. Es kann warten. Ich gehe nicht nach Hof.

Franz. Nicht nach Hof? Herr! Wie kommt Euch das? Wenn Ihr wu?tet, was ich wei?. Wenn Ihr nur traumen konntet, was ich gesehen habe.

Weislingen. Wie wird dir's?

Franz. Nur von der blo?en Erinnerung komm ich au?er mir. Bamberg ist nicht mehr Bamberg, ein Engel in Weibesgestalt macht es zum Vorhofe des Himmels.

Weislingen. Nichts weiter?

Franz. Ich will ein Pfaff werden, wenn Ihr sie sehet und nicht au?er Euch kommt.

Weislingen. Wer ist's denn?

Franz. Adelheid von Walldorf.

Weislingen. Die! Ich habe viel von ihrer Schonheit gehort.

Franz. Gehort? Das ist eben, als wenn Ihr sagtet: >Ich hab die Musik gesehen.< Es ist der Zunge so wenig moglich, eine Linie ihrer Vollkommenheiten auszudrucken, da das Aug sogar in ihrer Gegenwart sich nicht selbst genug ist.

Weislingen. Du bist nicht gescheit.

Franz. Das kann wohl sein. Das letztemal, da ich sie sahe, hatte ich nicht mehr Sinne als ein Trunkener. Oder vielmehr, kann ich sagen, ich fuhlte in dem Augenblick, wie's den Heiligen bei himmlischen Erscheinungen sein mag. Alle Sinne starker, hoher, vollkommener, und doch den Gebrauch von keinem.

Weislingen. Das ist seltsam.

Franz. Wie ich von dem Bischof Abschied nahm, sa? sie bei ihm. Sie spielten Schach. Er war sehr gnadig, reichte mir seine Hand zu kussen, und sagte mir vieles, davon ich nichts vernahm. Denn ich sah seine Nachbarin, sie hatte ihr Auge aufs Brett geheftet, als wenn sie einem gro?en Streich nachsanne. Ein feiner lauernder Zug um Mund und Wange! Ich hatt' der elfenbeinerne Konig sein mogen. Adel und Freundlichkeit herrschten auf ihrer Stirn. Und das blendende Licht des Angesichts und des Busens, wie es von den finstern Haaren erhoben ward!

Weislingen. Du bist druber gar zum Dichter geworden.

Franz. So fuhl ich denn in dem Augenblick, was den Dichter macht, ein volles, ganz von einer Empfindung volles Herz! Wie der Bischof endigte und ich mich neigte, sah sie mich an und sagte: >Auch von mir einen Gru? unbekannterweise! Sag ihm, er mag ja bald kommen. Es warten neue Freunde auf ihn; er soll sie nicht verachten, wenn er schon an alten so reich ist.< - Ich wollte was antworten, aber der Pa? vom Herzen nach der Zunge war versperrt, ich neigte mich. Ich hatte mein Vermogen gegeben, die Spitze ihres kleinen Fingers kussen zu durfen! Wie ich so stund, warf der Bischof einen Bauern herunter, ich fuhr darnach und ruhrte im Aufheben den Saum ihres Kleides, das fuhr mir durch alle Glieder, und ich wei? nicht, wie ich zur Tur hinausgekommen bin.

Weislingen. Ist ihr Mann bei Hofe?

Franz. Sie ist schon vier Monat Witwe. Um sich zu zerstreuen, halt sie sich in Bamberg auf. Ihr werdet sie sehen. Wenn sie einen ansieht, ist's, als wenn man in der Fruhlingssonne stunde.

Weislingen. Es wurde eine schwachere Wirkung auf mich haben.

Franz. Ich hore, Ihr seid so gut als verheiratet.

Weislingen. Wollte, ich war's. Meine sanfte Marie wird das Gluck meines Lebens machen. Ihre su?e Seele bildet sich in ihren blauen Augen. Und wei? wie ein Engel des Himmels, gebildet aus Unschuld und Liebe, leitet sie mein Herz zur Ruhe und Gluckseligkeit. Pack zusammen! und dann auf mein Schlo?! Ich will Bamberg nicht sehen, und wenn Sankt Veit in Person meiner begehrte. (Geht ab.)

Franz. Da sei Gott vor! Wollen das Beste hoffen! Maria ist liebreich und schon, und einem Gefangenen und Kranken kann ich's nicht ubelnehmen, der sich in sie verliebt. In ihren Augen ist Trost, gesellschaftliche Melancholie. - Aber um dich, Adelheid, ist Leben, Feuer, Mut - Ich wurde! - Ich bin ein Narr - dazu machte mich ein Blick von ihr. Mein Herr mu? hin! Ich mu? hin! Und da will ich mich wieder gescheit oder vollig rasend gaffen.

Zweiter Akt
Bamberg. Ein Saal
Bischof, Adelheid spielen Schach. Liebetraut mit einer Zither. Frauen, Hofleute um ihn herum am Kamin.

Liebetraut (spielt und singt).
Mit Pfeilen und Bogen
Cupido geflogen,
Die Fackel in Brand,
Wollt mutilich kriegen
Und mannilich siegen
Mit sturmender Hand.
Auf! Auf!
An! An!
Die Waffen erklirrten,
Die Flugelein schwirrten,
Die Augen entbrannt.
Da fand er die Busen
Ach leider so blo?,
Sie nahmen so willig
Ihn all auf den Scho?.
Er schuttet' die Pfeile
Zum Feuer hinein,
Sie herzten und druckten
Und wiegten ihn ein.
Hei ei o! Popeio!



Adelheid. Ihr seid nicht bei Eurem Spiele. Schach dem Konig!

Bischof. Es ist noch Auskunft.

Adelheid. Lange werdet Ihr's nicht mehr treiben. Schach dem Konig!

Liebetraut. Dies Spiel spielt ich nicht, wenn ich ein gro?er Herr war, und verbot's am Hofe und im ganzen Land.

Adelheid. Es ist wahr, dies Spiel ist ein Probierstein des Gehirns.

Liebetraut. Nicht darum! Ich wollte lieber das Geheul der Totenglocke und ominoser Vogel, lieber das Gebell des knurrischen Hofhunds Gewissen, lieber wollt ich sie durch den tiefsten Schlaf horen, als von Laufern, Springern und andern Bestien das ewige: >Schach dem Konig!<

Bischof. Wem wird auch das einfallen!

Liebetraut. Einem zum Exempel, der schwach ware und ein stark Gewissen hatte, wie denn das meistenteils beisammen ist. Sie nennen's ein koniglich Spiel und sagen, es sei fur einen Konig erfunden worden, der den Erfinder mit einem Meer von Uberflu? belohnt habe. Wenn das wahr ist, so ist mir's, als wenn ich ihn sahe. Er war minorenn an Verstand oder an Jahren, unter der Vormundschaft seiner Mutter oder seiner Frau, hatte Milchhaare im Bart und Flachshaare um die Schlafe, er war so gefallig wie ein Weidenscho?ling und spielte gern Dame und mit den Damen, nicht aus Leidenschaft, behute Gott! nur zum Zeitvertreib. Sein Hofmeister, zu tatig, um ein Gelehrter, zu unlenksam, ein Weltmann zu sein, erfand das Spiel in usum Delphini, das so homogen mit Seiner Majestat war - und so ferner.

Adelheid. Matt! Ihr solltet die Lucken unsrer Geschichtsbucher ausfullen, Liebetraut.

(Sie stehen auf.)

Liebetraut. Die Lucken unsrer Geschlechtsregister, das ware profitabler. Seitdem die Verdienste unserer Vorfahren mit ihren Portrats zu einerlei Gebrauch dienen, die leeren Seiten namlich unsrer Zimmer und unsers Charakters zu tapezieren; da ware was zu verdienen.

Bischof. Er will nicht kommen, sagtet Ihr!

Adelheid. Ich bitt Euch, schlagt's Euch aus dem Sinn.

Bischof. Was das sein mag?

Liebetraut. Was? Die Ursachen lassen sich herunterbeten wie ein Rosenkranz. Er ist in eine Art von Zerknirschung gefallen, von der ich ihn leicht kurieren wollt.

Bischof. Tut das, reitet zu ihm.

Liebetraut. Meinen Auftrag!

Bischof. Er soll unumschrankt sein. Spare nichts, wenn du ihn zuruckbringst.

Liebetraut. Darf ich Euch auch hineinmischen, gnadige Frau?

Adelheid. Mit Bescheidenheit.

Liebetraut. Das ist eine weitlaufige Kommission.

Adelheid. Kennt Ihr mich so wenig, oder seid Ihr so jung, um nicht zu wissen, in welchem Ton Ihr mit Weislingen von mir zu reden habt?

Liebetraut. Im Ton einer Wachtelpfeife, denk ich.

Adelheid. Ihr werdet nie gescheit werden!

Liebetraut. Wird man das, gnadige Frau?

Bischof. Geht, geht. Nehmt das beste Pferd aus meinem Stall, wahlt Euch Knechte, und schafft mir ihn her!

Liebetraut. Wenn ich ihn nicht herbanne, so sagt: ein altes Weib, das Warzen und Sommerflecken vertreibt, verstehe mehr von der Sympathie als ich.

Bischof. Was wird das helfen! Berlichingen hat ihn ganz eingenommen. Wenn er herkommt, wird er wieder fort wollen.

Liebetraut. Wollen, das ist keine Frage, aber ob er kann. Der Handedruck eines Fursten, und das Lacheln einer schonen Frau! Da rei?t sich kein Weisling los. Ich eile und empfehle mich zu Gnaden.

Bischof. Reist wohl.

Adelheid. Adieu.

(Er geht.)

Bischof. Wenn er einmal hier ist, verla? ich mich auf Euch.

Adelheid. Wollt Ihr mich zur Leimstange brauchen?

Bischof. Nicht doch.

Adelheid. Zum Lockvogel denn?

Bischof. Nein, den spielt Liebetraut. Ich bitt Euch, versagt mir nicht, was mir sonst niemand gewahren kann.

Adelheid. Wollen sehn.


Jagsthausen
Hans von Selbitz. Gotz.

Selbitz. Jedermann wird Euch loben, da? Ihr denen von Nurnberg Fehd angekundigt habt.

Gotz. Es hatte mir das Herz abgefressen, wenn ich's ihnen hatte lang schuldig bleiben sollen. Es ist am Tag, sie haben den Bambergern meinen Buben verraten. Sie sollen an mich denken!

Selbitz. Sie haben einen alten Groll gegen Euch.

Gotz. Und ich wider sie; mir ist gar recht, da? sie angefangen haben.

Selbitz. Die Reichsstadte und Pfaffen halten doch von jeher zusammen.

Gotz. Sie haben's Ursach.

Selbitz. Wir wollen ihnen die Holle hei? machen.

Gotz. Ich zahlte auf Euch. Wollte Gott, der Burgemeister von Nurnberg, mit der guldenen Kett um den Hals, kam uns in Wurf, er sollt sich mit all seinem Witz verwundern.

Selbitz. Ich hore, Weislingen ist wieder auf Eurer Seite. Tritt er zu uns?

Gotz. Noch nicht; es hat seine Ursachen, warum er uns noch nicht offentlich Vorschub tun darf; doch ist's eine Weile genug, da? er nicht wider uns ist. Der Pfaff ist ohne ihn, was das Me?gewand ohne den Pfaffen.

Selbitz. Wann ziehen wir aus?

Gotz. Morgen oder ubermorgen. Es kommen nun bald Kaufleute von Bamberg und Nurnberg aus der Frankfurter Messe. Wir werden einen guten Fang tun.

Selbitz. Will's Gott. (Ab.)


Bamberg. Zimmer der Adelheid
Adelheid. Kammerfraulein.

Adelheid. Er ist da! sagst du. Ich glaub es kaum.

Fraulein. Wenn ich ihn nicht selbst gesehn hatte, wurd ich sagen, ich zweifle.

Adelheid. Den Liebetraut mag der Bischof in Gold einfassen: er hat ein Meisterstuck gemacht.

Fraulein. Ich sah ihn, wie er zum Schlo? hereinreiten wollte, er sa? auf einem Schimmel. Das Pferd scheute, wie's an die Brucke kam, und wollte nicht von der Stelle. Das Volk war aus allen Stra?en gelaufen, ihn zu sehn. Sie freuten sich uber des Pferds Unart. Von allen Seiten ward er gegru?t, und er dankte allen. Mit einer angenehmen Gleichgultigkeit sa? er droben, und mit Schmeicheln und Drohen bracht er es endlich zum Tor herein, der Liebetraut mit, und wenig Knechte.

Adelheid. Wie gefallt er dir?

Fraulein. Wie mir nicht leicht ein Mann gefallen hat. Er glich dem Kaiser hier (deutet auf Maximilians Portrat), als wenn er sein Sohn ware. Die Nase nur etwas kleiner, ebenso freundliche lichtbraune Augen, ebenso ein blondes schones Haar, und gewachsen wie eine Puppe. Ein halb trauriger Zug auf seinem Gesicht - ich wei? nicht - gefiel mir so wohl!

Adelheid. Ich bin neugierig, ihn zu sehen.

Fraulein. Das war ein Herr fur Euch.

Adelheid. Narrin!

Fraulein. Kinder und Narren -

(Liebetraut kommt.)

Liebetraut. Nun, gnadige Frau, was verdien ich?

Adelheid. Horner von deinem Weibe. Denn nach dem zu rechnen, habt Ihr schon manches Nachbars ehrliches Hausweib aus ihrer Pflicht hinausgeschwatzt.

Liebetraut. Nicht doch, gnadige Frau! Auf ihre Pflicht, wollt Ihr sagen; denn wenn's ja geschah, schwatzt ich sie auf ihres Mannes Bette.

Adelheid. Wie habt Ihr's gemacht, ihn herzubringen?

Liebetraut. Ihr wi?t zu gut, wie man Schnepfen fangt; soll ich Euch meine Kunststuckchen noch dazu lehren? - Erst tat ich, als wu?t ich nichts, verstund nichts von seiner Auffuhrung, und setzt ihn dadurch in den Nachteil, die ganze Historie zu erzahlen. Die sah ich nun gleich von einer ganz andern Seite an als er, konnte nicht finden - nicht einsehen - und so weiter. Dann redete ich von Bamberg allerlei durcheinander, Gro?es und Kleines, erweckte gewisse alte Erinnerungen, und wie ich seine Einbildungskraft beschaftigt hatte, knupfte ich wirklich eine Menge Fadchen wieder an, die ich zerrissen fand. Er wu?te nicht, wie ihm geschah, fuhlte einen neuen Zug nach Bamberg, er wollte - ohne zu wollen. Wie er nun in sein Herz ging und das zu entwickeln suchte, und viel zu sehr mit sich beschaftigt war, um auf sich achtzugeben, warf ich ihm ein Seil um den Hals, aus drei machtigen Stricken, Weiber-, Furstengunst und Schmeichelei, gedreht, und so hab ich ihn hergeschleppt.

Adelheid. Was sagtet Ihr von mir?

Liebetraut. Die lautre Wahrheit. Ihr hattet wegen Eurer Guter Verdrie?lichkeiten - hattet gehofft, da er beim Kaiser so viel gelte, werde er das leicht enden konnen.

Adelheid. Wohl.

Liebetraut. Der Bischof wird ihn Euch bringen.

Adelheid. Ich erwarte sie. (Liebetraut ab.) Mit einem Herzen, wie ich selten Besuch erwarte.


Im Spessart
Berlichingen. Selbitz. Georg als Reitersknecht.

Gotz. Du hast ihn nicht angetroffen, Georg!

Georg. Er war tags vorher mit Liebetraut nach Bamberg geritten und zwei Knechte mit.

Gotz. Ich seh nicht ein, was das geben soll.

Selbitz. Ich wohl. Eure Versohnung war ein wenig zu schnell, als da? sie dauerhaft hatte sein sollen. Der Liebetraut ist ein pfiffiger Kerl; von dem hat er sich beschwatzen lassen.

Gotz. Glaubst du, da? er bundbruchig werden wird?

Selbitz. Der erste Schritt ist getan.

Gotz. Ich glaub's nicht. Wer wei?, wie notig es war, an Hof zu gehen; man ist ihm noch schuldig; wir wollen das Beste hoffen.

Selbitz. Wollte Gott, er verdient' es und tate das Beste!

Gotz. Mir fallt eine List ein. Wir wollen Georgen des Bamberger Reiters erbeuteten Kittel anziehen und ihm das Geleitzeichen geben; er mag nach Bamberg reiten und sehen, wie's steht.

Georg. Da hab ich lange drauf gehofft.

Gotz. Es ist dein erster Ritt. Sei vorsichtig, Knabe! Mir ware leid, wenn dir ein Unfall begegnen sollt.

Georg. La?t nur, mich irrt's nicht, wenn noch so viel um mich herumkrabbeln, mir ist's, als wenn's Ratten und Mause waren. (Ab.)


Bamberg
Bischof. Du willst dich nicht langer halten lassen!

Weislingen. Ihr werdet nicht verlangen, da? ich meinen Eid brechen soll.

Bischof. Ich hatte verlangen konnen, du solltest ihn nicht schworen. Was fur ein Geist regierte dich? Konnt ich dich ohne das nicht befreien? Gelt ich so wenig am Kaiserlichen Hofe?

Weislingen. Es ist geschehen; verzeiht mir, wenn Ihr konnt.

Bischof. Ich begreif nicht, was nur im geringsten dich notigte, den Schritt zu tun! Mir zu entsagen? Waren denn nicht hundert andere Bedingungen, loszukommen? Haben wir nicht seinen Buben? Hatt ich nicht Gelds genug gegeben und ihn wieder beruhigt? Unsere Anschlage auf ihn und seine Gesellen waren fortgegangen - Ach ich denke nicht, da? ich mit seinem Freunde rede, der nun wider mich arbeitet und die Minen leicht entkraften kann, die er selbst gegraben hat.

Weislingen. Gnadiger Herr!

Bischof. Und doch - wenn ich wieder dein Angesicht sehe, deine Stimme hore. Es ist nicht moglich, nicht moglich.

Weislingen. Lebt wohl, gnadiger Herr.

Bischof. Ich gebe dir meinen Segen. Sonst, wenn du gingst, sagt ich: >Auf Wiedersehn!< Jetzt - Wollte Gott, wir sahen einander nie wieder!

Weislingen. Es kann sich vieles andern.

Bischof. Vielleicht seh ich dich noch einmal, als Feind vor meinen Mauern, die Felder verheeren, die ihren bluhenden Zustand dir jetzo danken.

Weislingen. Nein, gnadiger Herr.

Bischof. Du kannst nicht nein sagen. Die weltlichen Stande, meine Nachbarn, haben alle einen Zahn auf mich. Solang ich dich hatte - Geht, Weislingen! Ich habe Euch nichts mehr zu sagen. Ihr habt vieles zunichte gemacht. Geht!

Weislingen. Und ich wei? nicht, was ich sagen soll.

(Bischof ab. - Franz tritt auf.)

Franz. Adelheid erwartet Euch. Sie ist nicht wohl. Und doch will sie Euch ohne Abschied nicht lassen.

Weislingen. Komm.

Franz. Gehn wir denn gewi??

Weislingen. Noch diesen Abend. -

Franz. Mir ist, als wenn ich aus der Welt sollte.

Weislingen. Mir auch, und noch darzu, als wu?t ich nicht wohin.

Adelheidens Zimmer
Adelheid. Fraulein.

Fraulein. Ihr seht bla?, gnadige Frau.

Adelheid. - Ich lieb ihn nicht, und wollte doch, da? er bliebe. Siehst du, ich konnte mit ihm leben, ob ich ihn gleich nicht zum Manne haben mochte.

Fraulein. Glaubt Ihr, er geht?

Adelheid. Er ist zum Bischof, um Lebewohl zu sagen.

Fraulein. Er hat darnach noch einen schweren Stand.

Adelheid. Wie meinst du?

Fraulein. Was fragt Ihr, gnadige Frau? Ihr habt sein Herz geangelt, und wenn er sich losrei?en will, verblutet er.

(Adelheid. Weislingen.)

Weislingen. Ihr seid nicht wohl, gnadige Frau?

Adelheid. Das kann Euch einerlei sein. Ihr verla?t uns, verla?t uns auf immer. Was fragt Ihr, ob wir leben oder sterben.

Weislingen. Ihr verkennt mich.

Adelheid. Ich nehme Euch, wie Ihr Euch gebt.

Weislingen. Das Ansehn trugt.

Adelheid. So seid Ihr ein Chamaleon?

Weislingen. Wenn Ihr mein Herz sehen konntet!

Adelheid. Schone Sachen wurden mir vor die Augen kommen.

Weislingen. Gewi?! Ihr wurdet Euer Bild drin finden.

Adelheid. In irgendeinem Winkel bei den Portraten ausgestorbener Familien. Ich bitt Euch, Weislingen, bedenkt, Ihr redet mit mir. Falsche Worte gelten zum hochsten, wenn sie Masken unserer Taten sind. Ein Vermummter, der kenntlich ist, spielt eine armselige Rolle. Ihr leugnet Eure Handlungen nicht und redet das Gegenteil; was soll man von Euch halten?

Weislingen. Was Ihr wollt. Ich bin so geplagt mit dem, was ich bin, da? mir wenig bang ist, fur was man mich nehmen mag.

Adelheid. Ihr kommt, um Abschied zu nehmen.

Weislingen. Erlaubt mir, Eure Hand zu kussen, und ich will sagen. Lebt wohl. Ihr erinnert mich! Ich bedachte nicht - Ich bin beschwerlich, gnadige Frau.

Adelheid. Ihr legt's falsch aus: ich wollte Euch forthelfen; denn Ihr wollt fort.

Weislingen. O sagt: ich mu?. Zoge mich nicht die Ritterpflicht, der heilige Handschlag -

Adelheid. Geht! Geht! Erzahlt das Madchen, die den >Theuerdank< lesen und sich so einen Mann wunschen. Ritterpflicht! Kinderspiel!

Weislingen. Ihr denkt nicht so.

Adelheid. Bei meinem Eid, Ihr verstellt Euch! Was habt Ihr versprochen? Und wem? Einem Mann, der seine Pflicht gegen den Kaiser und das Reich verkennt, in eben dem Augenblick Pflicht zu leisten, da er durch Eure Gefangennehmung in die Strafe der Acht verfallt. Pflicht zu leisten! die nicht gultiger sein kann als ungerechter gezwungener Eid. Entbinden nicht unsere Gesetze von solchen Schwuren? Macht das Kindern weis, die den Rubezahl glauben. Es stecken andere Sachen dahinter. Ein Feind des Reichs zu werden, ein Feind der burgerlichen Ruh und Gluckseligkeit! Ein Feind des Kaisers! Geselle eines Raubers! du, Weislingen, mit deiner sanften Seele!

Weislingen. Wenn Ihr ihn kenntet -

Adelheid. Ich wollt ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat eine hohe unbandige Seele. Eben darum wehe dir, Weislingen! Geh und bilde dir ein, Geselle von ihm zu sein. Geh! und la? dich beherrschen. Du bist freundlich, gefallig -

Weislingen. Er ist's auch.

Adelheid. Aber du bist nachgebend und er nicht! Unversehens wird er dich wegrei?en, du wirst ein Sklave eines Edelmanns werden, da du Herr von Fursten sein konntest. - Doch es ist Unbarmherzigkeit, dir deinen zukunftigen Stand zu verleiden.

Weislingen. Hattest du gefuhlt, wie liebreich er mir begegnete.

Adelheid. Liebreich! Das rechnest du ihm an? Es war seine Schuldigkeit; und was hattest du verloren, wenn er widerwartig gewesen ware? Mir hatte das willkommner sein sollen. Ein ubermutiger Mensch wie der -

Weislingen. Ihr redet von Euerm Feind.

Adelheid. Ich redete fur Eure Freiheit - Und wei? uberhaupt nicht, was ich vor einen Anteil dran nehme. Lebt wohl.

Weislingen. Erlaubt noch einen Augenblick. (Er nimmt ihre Hand und schweigt.)

Adelheid. Habt Ihr mir noch was zu sagen?

Weislingen. - - Ich mu? fort.

Adelheid. So geht.

Weislingen. Gnadige Frau! - Ich kann nicht.

Adelheid. Ihr mu?t.

Weislingen. Soll das Euer letzter Blick sein?

Adelheid. Geht, ich bin krank, sehr zur ungelegnen Zeit.

Weislingen. Seht mich nicht so an.

Adelheid. Willst du unser Feind sein, und wir sollen dir lacheln? Geh!

Weislingen. Adelheid!

Adelheid. Ich hasse Euch!

(Franz kommt.)

Franz. Gnadiger Herr! Der Bischof la?t Euch rufen.

Adelheid. Geht! Geht!

Franz. Er bittet Euch, eilend zu kommen.

Adelheid. Geht! Geht!

Weislingen. Ich nehme nicht Abschied, ich sehe Euch wieder! (Ab.)

Adelheid. Mich wieder? Wir wollen dafur sein. Margarete, wenn er kommt, weis ihn ab. Ich bin krank, habe Kopfweh, ich schlafe - Weis ihn ab. Wenn er noch zu gewinnen ist, so ist's auf diesem Wege. (Ab.)


Vorzimmer
Weislingen. Franz.

Weislingen. Sie will mich nicht sehn?

Franz. Es wird Nacht, soll ich die Pferde satteln?

Weislingen. Sie will mich nicht sehn?

Franz. Wann befehlen Ihro Gnaden die Pferde?

Weislingen. Es ist zu spat! Wir bleiben hier.

Franz. Gott sei Dank! (Ab.)

Weislingen. Du bleibst! Sei auf, deiner Hut, die Versuchung ist gro?. Mein Pferd scheute, wie ich zum Schlo?tor herein wollte, mein guter Geist stellte sich ihm entgegen, er kannte die Gefahren, die mein hier warteten. - Doch ist's nicht recht, die vielen Geschafte, die ich dem Bischof unvollendet liegen lie?, nicht wenigstens so zu ordnen, da? ein Nachfolger da anfangen kann, wo ich's gelassen habe. Das kann ich doch alles tun, unbeschadet Berlichingen und unserer Verbindung. Denn halten sollen sie mich hier nicht. - Ware doch besser gewesen, wenn ich nicht gekommen ware. Aber ich will fort - morgen oder ubermorgen. (Geht ab.)


Im Spessart
Gotz. Selbitz. Georg.

Selbitz. Ihr seht, es ist gegangen, wie ich gesagt habe.

Gotz. Nein! Nein! Nein!

Georg. Glaubt, ich berichte Euch mit der Wahrheit. Ich tat, wie Ihr befahlt, nahm den Kittel des Bambergischen und sein Zeichen, und damit ich doch mein Essen und Trinken verdiente, geleitete ich Reineckische Bauern hinauf nach Bamberg.

Selbitz. In der Verkappung? Das hatte dir ubel geraten konnen.

Georg. So denk ich auch hintendrein. Ein Reitersmann, der das voraus denkt, wird keine weiten Sprunge machen. Ich kam nach Bamberg, und gleich im Wirtshaus horte ich erzahlen: Weislingen und der Bischof seien ausgesohnt, und man redte viel von einer Heirat mit der Witwe des von Walldorf.

Gotz. Gesprache.

Georg. Ich sah ihn, wie er sie zur Tafel fuhrte. Sie ist schon, bei meinem Eid, sie ist schon. Wir buckten uns alle, sie dankte uns allen, er nickte mit dem Kopf, sah sehr vergnugt, sie gingen vorbei, und das Volk murmelte: >Ein schones Paar!<

Gotz. Das kann sein.

Georg. Hort weiter. Da er des andern Tags in die Messe ging, pa?t ich meine Zeit ab. Er war allein mit einem Knaben. Ich stund unten an der Treppe und sagte leise zu ihm: >Ein paar Worte von Euerm Berlichingen.< Er ward besturzt; ich sahe das Gestandnis seines Lasters in seinem Gesicht, er hatte kaum das Herz, mich anzusehen, mich, einen schlechten Reitersjungen.

Selbitz. Das macht, sein Gewissen war schlechter als dein Stand.

Georg. >Du bist Bambergisch?Ich bring einen Gru? vom Ritter Berlichingenund soll fragen -Komm morgen fruh<, sagt' er, >an mein Zimmer, wir wollen weiterreden.<

Gotz. Kamst du?

Georg. Wohl kam ich, und mu?t im Vorsaal stehn, lang, lang. Und die seidnen Buben beguckten mich von vorn und hinten. Ich dachte, guckt ihr - Endlich fuhrte man mich hinein, er schien bose, mir war's einerlei. Ich trat zu ihm und legte meine Kommission ab. Er tat feindlich bose, wie einer, der kein Herz hat und 's nit will merken lassen. Er verwunderte sich, da? Ihr ihn durch einen Reitersjungen zur Rede setzen lie?t. Das verdro? mich. Ich sagte, es gabe nur zweierlei Leut, brave und Schurken, und ich diente Gotzen von Berlichingen. Nun fing er an, schwatzte allerlei verkehrtes Zeug, das darauf hinausging: Ihr hattet ihn ubereilt, er sei Euch keine Pflicht schuldig und wolle nichts mit Euch zu tun haben.

Gotz. Hast du das aus seinem Munde?

Georg. Das und noch mehr - Er drohte mir -

Gotz. Es ist genug! Der ware nun auch verloren! Treu und Glaube, du hast mich wieder betrogen. Arme Marie! Wie werd ich dir's beibringen!

Selbitz. Ich wollte lieber mein ander Bein dazu verlieren, als so ein Hundsfott sein. (Ab.)


Bamberg
Adelheid. Weislingen.

Adelheid. Die Zeit fangt mir an unertraglich lang zu werden; reden mag ich nicht, und ich schame mich, mit Euch zu spielen. Langeweile, du bist arger als ein kaltes Fieber.

Weislingen. Seid Ihr mich schon mude?

Adelheid. Euch nicht sowohl als Euern Umgang. Ich wollte, Ihr wart, wo Ihr hinwolltet, und wir hatten Euch nicht gehalten.

Weislingen. Das ist Weibergunst! Erst brutet sie, mit Mutterwarme, unsere liebsten Hoffnungen an; dann, gleich einer unbestandigen Henne, verla?t sie das Nest und ubergibt ihre schon keimende Nachkommenschaft dem Tode und der Verwesung.

Adelheid. Scheltet die Weiber! Der unbesonnene Spieler zerbei?t und zerstampft die Karten, die ihn unschuldigerweise verlieren machten. Aber la?t mich Euch was von Mannsleuten erzahlen. Was seid denn ihr, um von Wankelmut zu sprechen? Ihr, die ihr selten seid, was ihr sein wollt, niemals, was ihr sein solltet. Konige im Festtagsornat, vom Pobel beneidet. Was gab eine Schneidersfrau drum, eine Schnur Perlen um ihren Hals zu haben, von dem Saum eures Kleids, den eure Absatze verachtlich zurucksto?en!

Weislingen. Ihr seid bitter.

Adelheid. Es ist die Antistrophe von Eurem Gesang. Eh ich Euch kannte, Weislingen, ging mir's wie der Schneidersfrau. Der Ruf, hundertzungig, ohne Metapher gesprochen, hatte Euch so zahnarztma?ig herausgestrichen, da? ich mich uberreden lie? zu wunschen: mochtest du doch diese Quintessenz des mannlichen Geschlechts, den Phonix Weislingen zu Gesicht kriegen! Ich ward meines Wunsches gewahrt.

Weislingen. Und der Phonix prasentierte sich als ein ordinarer Haushahn.

Adelheid. Nein, Weislingen, ich nahm Anteil an Euch.

Weislingen. Es schien so -

Adelheid. Und war. Denn wirklich, ihr ubertraft Euern Ruf. Die Menge schatzt nur den Widerschein des Verdienstes. Wie mir's denn nun geht, da? ich uber die Leute nicht denken mag, denen ich wohlwill; so lebten wir eine Zeitlang nebeneinander, es fehlte mir was, und ich wu?te nicht, was ich an Euch vermi?te. Endlich gingen mir die Augen auf. Ich sah statt des aktiven Mannes, der die Geschafte eines Furstentums belebte, der sich und seinen Ruhm dabei nicht verga?, der auf hundert gro?en Unternehmungen, wie auf ubereinander gewalzten Bergen, zu den Wolken hinaufgestiegen war: den sah ich auf einmal, jammernd wie einen kranken Poeten, melancholisch wie ein gesundes Madchen und mu?iger als einen alten Junggesellen. Anfangs schrieb ich's Euerm Unfall zu, der Euch noch neu auf dem Herzen lag, und entschuldigte Euch, so gut ich konnte. Jetzt, da es von Tag zu Tage schlimmer mit Euch zu werden scheint, mu?t Ihr mir verzeihen, wenn ich Euch meine Gunst entrei?e. Ihr besitzt sie ohne Recht, ich schenkte sie einem andern auf Lebenslang, der sie Euch nicht ubertragen konnte.

Weislingen. So la?t mich los.

Adelheid. Nicht, bis alle Hoffnung verloren ist. Die Einsamkeit ist in diesen Umstanden gefahrlich. - Armer Mensch! Ihr seid so mi?mutig, wie einer, dem sein erstes Madchen untreu wird, und eben darum geb ich Euch nicht auf. Gebt mir die Hand, verzeiht mir, was ich aus Liebe gesagt habe.

Weislingen. Konntest du mich lieben, konntest du meiner hei?en Leidenschaft einen Tropfen Linderung gewahren! Adelheid! deine Vorwurfe sind hochst ungerecht. Konntest du den hundertsten Teil ahnen von dem, was die Zeit her in mir arbeitet, du wurdest mich nicht mit Gefalligkeit, Gleichgultigkeit und Verachtung so unbarmherzig hin und her zerrissen haben - Du lachelst! - Nach dem ubereilten Schritt wieder mit mir selbst einig zu werden, kostete mehr als einen Tag. Wider den Menschen zu arbeiten, dessen Andenken so lebhaft neu in Liebe bei mir ist.

Adelheid. Wunderlicher Mann, der du den lieben kannst, den du beneidest! Das ist, als wenn ich meinem Feinde Proviant zufuhrte.

Weislingen. Ich fuhl's wohl, es gilt hier, kein Saumen. Er ist berichtet, da? ich wieder Weislingen bin, und er wird sich seines Vorteils uber uns ersehen. Auch, Adelheid, sind wir nicht so trag, als du meinst. Unsere Reiter sind verstarkt und wachsam, unsere Unterhandlungen gehen fort, und der Reichstag zu Augsburg soll hoffentlich unsere Projekte zur Reife bringen.

Adelheid. Ihr geht hin?

Weislingen. Wenn ich eine Hoffnung mitnehmen konnte! (Ku?t ihre Hand.)

Adelheid. O ihr Unglaubigen! Immer Zeichen und Wunder! Geh, Weislingen, und vollende das Werk. Der Vorteil des Bischofs, der deinige, der meinige, sie sind so verwebt, da?, ware es auch nur der Politik wegen -

Weislingen. Du kannst scherzen.

Adelheid. Ich scherze nicht. Meine Guter hat der stolze Herzog inne, die deinigen wird Gotz nicht lange ungeneckt lassen; und wenn wir nicht zusammenhalten wie unsere Feinde und den Kaiser auf unsere Seite lenken, sind wir verloren.

Weislingen. Mir ist's nicht bange. Der gro?te Teil der Fursten ist unserer Gesinnung. Der Kaiser verlangt Hulfe gegen die Turken, und dafur ist's billig, da? er uns wieder beisteht. Welche Wollust wird mir's sein, deine Guter von ubermutigen Feinden zu befreien, die unruhigen Kopfe in Schwaben aufs Kissen zu bringen, die Ruhe des Bistums, unser aller herzustellen. Und dann -?

Adelheid. Ein Tag bringt den andern, und beim Schicksal steht das Zukunftige.

Weislingen. Aber wir mussen wollen.

Adelheid. Wir wollen ja.

Weislingen. Gewi??

Adelheid. Nun ja. Geht.

Weislingen. Zauberin!


Herberge
Bauernhochzeit. Musik und Tanz drau?en
Der Brautvater, Gotz, Selbitz am Tische. Brautigam tritt zu ihnen.

Gotz. Das Gescheitste war, da? ihr euern Zwist so glucklich und frohlich durch eine Heirat endigt.

Brautvater. Besser, als ich mir's hatte traumen lassen. In Ruh und Fried mit meinem Nachbar, und eine Tochter wohl versorgt dazu!

Brautigam. Und ich im Besitz des strittigen Stucks, und druber den hubschten Backfisch im ganzen Dorf. Wollte Gott, Ihr hattet Euch eher drein geben.

Selbitz. Wie lange habt ihr prozessiert?

Brautvater. An die acht Jahre. Ich wollte lieber noch einmal so lang das Frieren haben, als von vorn anfangen. Das ist ein Gezerre, Ihr glaubt's nicht, bis man den Perucken ein Urteil vom Herzen rei?t; und was hat man darnach? Der Teufel hol den Assessor Sapupi! 's is ein verfluchter schwarzer Italiener.

Brautigam. Ja, das ist ein toller Kerl. Zweimal war ich dort.

Brautvater. Und ich dreimal. Und seht, ihr Herrn: kriegen wir ein Urteil endlich, wo ich so viel Recht hab als er, und er so viel als ich, und wir eben stunden wie die Maulaffen, bis mir unser Herrgott eingab, ihm meine Tochter zu geben und das Zeug dazu.

Gotz (trinkt). Gut Vernehmen kunftig.

Brautvater. Geb's Gott! Geh aber, wie's will, prozessieren tu ich mein Tag nit mehr. Was das ein Geldspiel kost! Jeden Reverenz, den euch ein Prokurator macht, mu?t ihr bezahlen.

Selbitz. Sind ja jahrlich Kaiserliche Visitationen da.

Brautvater. Hab nichts davon gehort. Ist mir mancher schone Taler nebenaus gangen. Das unerhorte Blechen!

Gotz. Wie meint Ihr?

Brautvater. Ach, da macht alles hohle Pfotchen. Der Assessor allein, Gott verzeih's ihm, hat mir achtzehn Goldgulden abgenommen.

Brautigam. Wer?

Brautvater. Wer anders als der Sapupi?

Gotz. Das ist schandlich.

Brautvater. Wohl, ich mu?t ihm zwanzig erlegen. Und da ich sie ihm hingezahlt hatte, in seinem Gartenhaus, das prachtig ist, im gro?en Saal, wollt mir vor Wehmut fast das Herz brechen. Denn seht, eines Haus und Hof steht gut, aber wo soll bar Geld herkommen? Ich stund da, Gott wei?, wie mir's war. Ich hatte keinen roten Heller Reisegeld im Sack. Endlich nahm ich mir 's Herz und stellt's ihm vor. Nun er sah, da? mir 's Wasser an die Seele ging, da warf er mir zwei davon zuruck und schickt' mich fort.

Brautigam. Es ist nicht moglich! Der Sapupi?

Brautvater. Wie stellst du dich! Freilich! Kein andrer!

Brautigam. Den soll der Teufel holen, er hat mir auch funfzehn Goldgulden abgenommen.

Brautvater. Verflucht!

Selbitz. Gotz! Wir sind Rauber!

Brautvater. Drum fiel das Urteil so scheel aus. Du Hund!

Gotz. Das mu?t ihr nicht ungerugt lassen.

Brautvater. Was sollen wir tun?

Gotz. Macht euch auf nach Speier, es ist eben Visitationszeit, zeigt's an, sie mussen's untersuchen und euch zu dem Eurigen helfen.

Brautigam. Denkt Ihr, wir treiben's durch?

Gotz. Wenn ich ihm uber die Ohren durfte, wollt ich's euch versprechen.

Selbitz. Die Summe ist wohl einen Versuch wert.

Gotz. Bin ich wohl eher um des vierten Teils willen ausgeritten.

Brautvater. Wie meinst du?

Brautigam. Wir wollen, geh's wie's geh.

(Georg kommt.)

Georg. Die Nurnberger sind im Anzug.

Gotz. Wo?

Georg. Wenn wir ganz sachte reiten, packen wir sie zwischen Beerheim und Muhlbach im Wald.

Selbitz. Trefflich!

Gotz. Kommt, Kinder. Gott gru? euch! Helf uns allen zum Unsrigen!

Bauer. Gro?en Dank! Ihr wollt nicht zum Nacht-Ims bleiben?

Gotz. Konnen nicht. Adies.

Dritter Akt
Augsburg. Ein Garten
Zwei Nurnberger Kaufleute.

Erster Kaufmann. Hier wollen wir stehn, denn da mu? der Kaiser vorbei. Er kommt eben den langen Gang herauf.

Zweiter Kaufmann. Wer ist bei ihm?

Erster Kaufmann. Adelbert von Weislingen!

Zweiter Kaufmann. Bambergs Freund! Das ist gut.

Erster Kaufmann. Wir wollen einen Fu?fall tun, und ich will reden.

Zweiter Kaufmann. Wohl, da kommen sie.

(Kaiser. Weislingen.)

Erster Kaufmann. Er sieht verdrie?lich aus.

Kaiser. Ich bin unmutig, Weislingen, und wenn ich auf mein vergangenes Leben zurucksehe, mocht ich verzagt werden; so viel halbe, so viel verungluckte Unternehmungen! und das alles, weil kein Furst im Reich so klein ist, dem nicht mehr an seinen Grillen gelegen ware als an meinen Gedanken.

(Die Kaufleute werfen sich ihm zu Fu?en.)

Kaufmann. Allerdurchlauchtigster! Gro?machtigster!

Kaiser. Wer seid ihr? Was gibt's?

Kaufmann. Arme Kaufleute von Nurnberg, Eurer Majestat Knechte, und flehen um Hulfe. Gotz von Berlichingen und Hans von Selbitz haben unser drei?ig, die von der Frankfurter Messe kamen, im Bambergischen Geleite niedergeworfen und beraubt; wir bitten Eure Kaiserliche Majestat um Hulfe, um Beistand, sonst sind wir alle verdorbene Leute, genotigt, unser Brot zu betteln.

Kaiser. Heiliger Gott! Heiliger Gott! Was ist das? Der eine hat nur eine Hand, der andere nur ein Bein; wenn sie denn erst zwei Hande hatten, und zwei Beine, was wolltet ihr dann tun?

Kaufmann. Wir bitten Eure Majestat untertanigst, auf unsere bedrangten Umstande ein mitleidiges Auge zu werfen.

Kaiser. Wie geht's zu! Wenn ein Kaufmann einen Pfeffersack verliert, soll man das ganze Reich aufmahnen; und wenn Handel vorhanden sind, daran Kaiserlicher Majestat und dem Reich viel gelegen ist, da? es Konigreich, Furstentum, Herzogtum und anders betrifft, so kann euch kein Mensch zusammenbringen.

Weislingen. Ihr kommt zur ungelegnen Zeit. Geht und verweilt einige Tage hier.

Kaufleute. Wir empfehlen uns zu Gnaden. (Ab.)

Kaiser. Wieder neue Handel. Sie wachsen nach wie die Kopfe der Hydra.

Weislingen. Und sind nicht auszurotten als mit Feuer und Schwert und einer mutigen Unternehmung.

Kaiser. Glaubt Ihr?

Weislingen. Ich halte nichts fur tunlicher, wenn Eure Majestat und die Fursten sich uber andern unbedeutenden Zwist vereinigen konnten. Es ist mit nichten ganz Deutschland, das uber Beunruhigung klagt. Franken und Schwaben allein glimmt noch von den Resten des innerlichen verderblichen Burgerkriegs. Und auch da sind viele der Edeln und Freien, die sich nach Ruhe sehnen. Hatten wir einmal diesen Sickingen, Selbitz - Berlichingen auf die Seite geschafft, das ubrige wurde bald von sich selbst zerfallen. Denn sie sind's, deren Geist die aufruhrische Menge belebt.

Kaiser. Ich mochte die Leute gerne schonen, sie sind tapfer und edel. Wenn ich Krieg fuhrte, mu?ten sie mit mir zu Felde.

Weislingen. Es ware zu wunschen, da? sie von jeher gelernt hatten, ihrer Pflicht zu gehorchen. Und dann war es hochst gefahrlich, ihre aufruhrischen Unternehmungen durch Ehrenstellen zu belohnen. Denn eben diese kaiserliche Mild und Gnade ist's, die sie bisher so ungeheuer mi?brauchten, und ihr Anhang, der sein Vertrauen und Hoffnung darauf setzt, wird nicht ehe zu bandigen sein, bis wir sie ganz vor den Augen der Welt zunichte gemacht und ihnen alle Hoffnung, jemals wieder emporzukommen, vollig abgeschnitten haben.

Kaiser. Ihr ratet also zur Strenge?

Weislingen. Ich sehe kein ander Mittel, den Schwindelgeist, der ganze Landschaften ergreift, zu bannen. Horen wir nicht schon hier und da die bittersten Klagen der Edeln, da? ihre Untertanen, ihre Leibeignen sich gegen sie auflehnen und mit ihnen rechten, ihnen die hergebrachte Oberherrschaft zu schmalern drohen, so da? die gefahrlichsten Folgen zu furchten sind?

Kaiser. Jetzt war eine schone Gelegenheit wider den Berlichingen und Selbitz; nur wollt ich nicht, da? ihnen was zuleid geschehe. Gefangen mocht ich sie haben, und dann mu?ten sie Urfehde schworen, auf ihren Schlossern ruhig zu bleiben und nicht aus ihrem Bann zu gehen. Bei der nachsten Session will ich's vortragen.

Weislingen. Ein freudiger beistimmender Zuruf wird Eurer Majestat das Ende der Rede ersparen. (Ab.)


Jagsthausen
Sickingen. Berlichingen.

Sickingen. Ja, ich komme, Eure edle Schwester um ihr Herz und ihre Hand zu bitten.

Gotz. So wollt ich, Ihr wart eher kommen. Ich mu? Euch sagen: Weislingen hat wahrend seiner Gefangenschaft ihre Liebe gewonnen, um sie angehalten, und ich sagt sie ihm zu. Ich hab ihn losgelassen, den Vogel, und er verachtet die gutige Hand, die ihm in der Not Futter reichte. Er schwirrt herum, wei? Gott auf welcher Hecke seine Nahrung zu suchen.

Sickingen. Ist das so?

Gotz. Wie ich sage.

Sickingen. Er hat ein doppeltes Band zerrissen. Wohl Euch, da? Ihr mit dem Verrater nicht naher verwandt worden.

Gotz. Sie sitzt, das arme Madchen, verjammert und verbetet ihr Leben.

Sickingen. Wir wollen sie singen machen.

Gotz. Wie! Entschlie?et Ihr Euch, eine Verla?ne zu heiraten?

Sickingen. Es macht euch beiden Ehre, von ihm betrogen worden zu sein. Soll darum das arme Madchen in ein Kloster gehn, weil der erste Mann, den sie kannte, ein Nichtswurdiger war? Nein doch! ich bleibe darauf, sie soll Konigin von meinen Schlossern werden.

Gotz. Ich sage Euch, sie war nicht gleichgultig gegen ihn.

Sickingen. Traust du mir nicht zu, da? ich den Schatten eines Elenden sollte verjagen konnen? La? uns zu ihr! (Ab.)


Lager der Reichsexekution
Hauptmann. Offiziere.

Hauptmann. Wir mussen behutsam gehn und unsere Leute so viel moglich schonen. Auch ist unsere gemessene Order, ihn in die Enge zu treiben und lebendig gefangenzunehmen. Es wird schwerhalten, denn wer mag sich an ihn machen?

Erster Offizier. Freilich! Und er wird sich wehren wie ein wildes Schwein. Uberhaupt hat er uns sein Lebelang nichts zuleid getan, und jeder wird's von sich schieben, Kaiser und Reich zu Gefallen Arm und Bein daranzusetzen.

Zweiter Offizier. Es ware eine Schande, wenn wir ihn nicht kriegten. Wenn ich ihn nur einmal beim Lappen habe, er soll nicht loskommen.

Erster Offizier. Fa?t ihn nur nicht mit Zahnen, er mochte Euch die Kinnbacken ausziehen. Guter junger Herr, dergleichen Leut packen sich nicht wie ein fluchtiger Dieb.

Zweiter Offizier. Wollen sehn.

Hauptmann. Unsern Brief mu? er nun haben. Wir wollen nicht saumen und einen Trupp ausschicken, der ihn beobachten soll.

Zweiter Offizier. La?t mich ihn fuhren.

Hauptmann. Ihr seid der Gegend unkundig.

Zweiter Offizier. Ich hab einen Knecht, der hier geboren und erzogen ist.

Hauptmann. Ich bin's zufrieden. (Ab.)


Jagsthausen
Sickingen.

Sickingen. Es geht alles nach Wunsch; sie war etwas besturzt uber meinen Antrag und sah mich vom Kopf bis auf die Fu?e an; ich wette, sie verglich mich mit ihrem Wei?fisch. Gott sei Dank, da? ich mich stellen darf. Sie antwortete wenig und durcheinander; desto besser! Es mag eine Zeit kochen. Bei Madchen, die durch Liebesungluck gebeizt sind, wird ein Heiratsvorschlag bald gar.

(Gotz kommt.)

Sickingen. Was bringt Ihr, Schwager?

Gotz. In die Acht erklart!

Sickingen. Was?

Gotz. Da lest den erbaulichen Brief. Der Kaiser hat Exekution gegen mich verordnet, die mein Fleisch den Vogeln unter dem Himmel und den Tieren auf dem Felde zu fressen vorschneiden soll.

Sickingen. Erst sollen sie dran. Just zur gelegenen Zeit bin ich hier.

Gotz. Nein, Sickingen, Ihr sollt fort. Eure gro?en Anschlage konnten daruber zugrunde gehn, wenn Ihr zu so ungelegner Zeit des Reichs Feind werden wolltet. Auch mir werdet Ihr weit mehr nutzen, wenn Ihr neutral zu sein scheint. Der Kaiser liebt Euch, und das Schlimmste, das mir begegnen kann, ist, gefangen zu werden; dann braucht Euer Vorwort und rei?t mich aus einem Elend, in das unzeitige Hulfe uns beide sturzen konnte. Denn was war's? Jetzo geht der Zug gegen mich; erfahren sie, du bist bei mir, so schicken sie mehr, und wir sind um nichts gebessert. Der Kaiser sitzt an der Quelle, und ich war schon jetzt unwiederbringlich verloren, wenn man Tapferkeit so geschwind einblasen konnte, als man einen Haufen zusammenblasen kann.

Sickingen. Doch kann ich heimlich ein zwanzig Reiter zu Euch sto?en lassen.

Gotz. Gut. Ich hab schon Georgen nach dem Selbitz geschickt, und meine Knechte in der Nachbarschaft herum. Lieber Schwager, wenn meine Leute beisammen sind, es wird ein Haufchen sein, dergleichen wenig Fursten beisammen gesehen haben.

Sickingen. Ihr werdet gegen die Menge wenig sein.

Gotz. Ein Wolf ist einer ganzen Herde Schafe zu viel.

Sickingen. Wenn sie aber einen guten Hirten haben?

Gotz. Sorg du. Es sind lauter Mietlinge. Und dann kann der beste Ritter nichts machen, wenn er nicht Herr von seinen Handlungen ist. So kamen sie mir auch einmal, wie ich dem Pfalzgrafen zugesagt hatte, gegen Konrad Schotten zu dienen; da legt' er mir einen Zettel aus der Kanzlei vor, wie ich reiten und mich halten sollt; da warf ich den Raten das Papier wieder dar und sagt: ich wu?t nicht darnach zu handlen, ich wei? nicht, was mir begegnen mag, das steht nicht im Zettel, ich mu? die Augen selbst auftun und sehn, was ich zu schaffen hab.

Sickingen. Gluck zu, Bruder! Ich will gleich fort und dir schicken, was ich in der Eil zusammentreiben kann.

Gotz. Komm noch zu den Frauen, ich lie? sie beisammen. Ich wollte, da? du ihr Wort hattest, ehe du gingst. Dann schick mir die Reiter, und komm heimlich wieder, Marien abzuholen, denn mein Schlo?, furcht ich, wird bald kein Aufenthalt fur Weiber mehr sein.

Sickingen. Wollen das Beste hoffen. (Ab.)


Bamberg. Adelheidens Zimmer
Adelheid. Franz.

Adelheid. So sind die beiden Exekutionen schon aufgebrochen?

Franz. Ja, und mein Herr hat die Freude, gegen Eure Feinde zu ziehen. Ich wollte gleich mit, so gern ich zu Euch gehe. Auch will ich jetzt wieder fort, um bald mit frohlicher Botschaft wiederzukehren. Mein Herr hat mir's erlaubt.

Adelheid. Wie steht's mit ihm?

Franz. Er ist munter. Mir befahl er, Eure Hand zu kussen.

Adelheid. Da - deine Lippen sind warm.

Franz (vor sich, auf die Brust deutend). Hier ist's noch warmer! (Laut.) Gnadige Frau, Eure Diener sind die glucklichsten Menschen unter der Sonne.

Adelheid. Wer fuhrt gegen Berlichingen?

Franz. Der von Sirau. Lebt wohl, beste gnadige Frau! Ich will wieder fort. Verge?t mich nicht.

Adelheid. Du mu?t was essen, trinken, und rasten.

Franz. Wozu das? Ich hab Euch ja gesehen. Ich bin nicht mud noch hungrig.

Adelheid. Ich kenne deine Treu.

Franz. Ach, gnadige Frau!

Adelheid. Du haltst's nicht aus, beruhige dich, und nimm was zu dir.

Franz. Eure Sorgfalt fur einen armen Jungen! (Ab.)

Adelheid. Die Tranen stehn ihm in den Augen. Ich lieb ihn von Herzen. So wahr und warm hat noch niemand an mir gehangen. (Ab.)


Jagsthausen
Gotz. Georg.

Georg. Er will selbst mit Euch sprechen. Ich kenn ihn nicht; es ist ein stattlicher Mann, mit schwarzen feurigen Augen.

Gotz. Bring ihn herein.

(Lerse kommt.)

Gotz. Gott gru? Euch! Was bringt Ihr?

Lerse. Mich selbst, das ist nicht viel, doch alles, was es ist, biet ich Euch an.

Gotz. Ihr seid mir willkommen, doppelt willkommen, ein braver Mann, und zu dieser Zeit, da ich nicht hoffte, neue Freunde zu gewinnen, eher den Verlust der alten stundlich furchtete. Gebt mir Euern Namen.

Lerse. Franz Lerse.

Gotz. Ich danke Euch, Franz, da? Ihr mich mit einem braven Mann bekannt macht.

Lerse. Ich machte Euch schon einmal mit mir bekannt, aber damals danktet Ihr mir nicht dafur.

Gotz. Ich erinnere mich Eurer nicht.

Lerse. Es ware mir leid. Wi?t Ihr noch, wie Ihr um des Pfalzgrafen willen Konrad Schotten feind wart und nach Ha?furt auf die Fastnacht reiten wolltet?

Gotz. Wohl wei? ich es.

Lerse. Wi?t Ihr, wie Ihr unterwegs bei einem Dorf funfundzwanzig Reitern entgegenkamt?

Gotz. Richtig. Ich hielt sie anfangs nur fur zwolfe und teilt meinen Haufen, waren unser sechzehn, und hielt am Dorf hinter der Scheuer, in willens, sie sollten bei mir vorbeiziehen. Dann wollt ich ihnen nachrucken, wie ich's mit dem andern Haufen abgeredt hatte.

Lerse. Aber wir sahn Euch und zogen auf eine Hohe am Dorf. Ihr zogt herbei und hieltet unten. Wie wir sahn, Ihr wolltet nicht heraufkommen, ritten wir herab.

Gotz. Da sah ich erst, da? ich mit der Hand in die Kohlen geschlagen hatte. Funfundzwanzig gegen acht! Da galt's kein Feiern. Erhard Truchse? durchstach mir einen Knecht, dafur rannt ich ihn vom Pferde. Hatten sie sich alle gehalten wie er und ein Knecht, es ware mein und meines kleinen Haufchens ubel gewahrt gewesen.

Lerse. Der Knecht, wovon Ihr sagtet -

Gotz. Es war der bravste, den ich gesehen habe. Er setzte mir hei? zu. Wenn ich dachte, ich hatt ihn von mir gebracht, wollte mit andern zu schaffen haben, war er wieder an mir und schlug feindlich zu. Er hieb mir auch durch den Panzerarmel hindurch, da? es ein wenig gefleischt hatte.

Lerse. Habt Ihr's ihm verziehen?

Gotz. Er gefiel mir mehr als zu wohl.

Lerse. Nun, so hoff ich, da? Ihr mit mir zufrieden sein werdet; ich hab mein Probstuck an Euch selbst abgelegt.

Gotz. Bist du's? O willkommen, willkommen! Kannst du sagen, Maximilian, du hast unter deinen Dienern einen so geworben!

Lerse. Mich wundert, da? Ihr nicht eh auf mich gefallen seid.

Gotz. Wie sollte mir einkommen, da? der mir seine Dienste anbieten wurde, der auf das feindseligste mich zu uberwaltigen trachtete?

Lerse. Eben das, Herr! Von Jugend auf dien ich als Reitersknecht, und hab's mit manchem Ritter aufgenommen. Da wir auf Euch stie?en, freut ich mich. Ich kannte Euern Namen, und da lernt ich Euch kennen. Ihr wi?t, ich hielt nicht stand; Ihr saht, es war nicht Furcht, denn ich kam wieder. Kurz, ich lernt Euch kennen, und von Stund an beschlo? ich, Euch zu dienen.

Gotz. Wie lange wollt Ihr bei mir aushalten?

Lerse. Auf ein Jahr. Ohne Entgelt.

Gotz. Nein, Ihr sollt gehalten werden wie ein anderer, und druber, wie der, der mir bei Remlin zu schaffen machte.

(Georg kommt.)

Georg. Hans von Selbitz la?t Euch gru?en. Morgen ist er hier mit funfzig Mann.

Gotz. Wohl.

Georg. Es zieht am Kocher ein Trupp Reichsvolker herunter; ohne Zweifel, Euch zu beobachten.

Gotz. Wieviel?

Georg. Ihrer funfzig.

Gotz. Nicht mehr! Komm, Lerse, wir wollen sie zusammenschmei?en, wenn Selbitz kommt, da? er schon ein Stuck Arbeit getan findet.

Lerse. Das soll eine reichliche Vorlese werden.

Gotz. Zu Pferde! (Ab.)

Wald an einem Morast
Zwei Reichsknechte begegnen einander.

Erster Knecht. Was machst du hier?

Zweiter Knecht. Ich hab Urlaub gebeten, meine Notdurft zu verrichten. Seit dem blinden Larmen gestern abends ist mir's in die Gedarme geschlagen, da? ich alle Augenblicke vom Pferd mu?.

Erster Knecht. Halt der Trupp hier in der Nahe?

Zweiter Knecht. Wohl eine Stunde den Wald hinauf.

Erster Knecht. Wie verlaufst du dich denn hieher?

Zweiter Knecht. Ich bitte dich, verrat mich nicht. Ich will aufs nachste Dorf und sehn, ob ich nit mit warmen Uberschlagen meinem Ubel abhelfen kann. Wo kommst du her?

Erster Knecht. Vom nachsten Dorf. Ich hab unserm Offizier Wein und Brot geholt.

Zweiter Knecht. So, er tut sich was zugut vor unserm Angesicht, und wir sollen fasten! Schon Exempel!

Erster Knecht. Komm mit zuruck, Schurke.

Zweiter Knecht. War ich ein Narr! Es sind noch viele unterm Haufen, die gern fasteten, wenn sie so weit davon waren als ich.

Erster Knecht. Horst du! Pferde!

Zweiter Knecht. O weh!

Erster Knecht. Ich klettere auf den Baum.

Zweiter Knecht. Ich steck mich ins Rohr.

(Gotz, Lerse, Georg, Knechte zu Pferde.)

Gotz. Hier am Teich weg und linker Hand in den Wald, so kommen wir ihnen in Rucken.

(Sie ziehen vorbei.)

Erster Knecht (steigt vom Baum). Da ist nicht gut sein. Michel! Er antwortet nicht? Michel, sie sind fort! (Er geht nach dem Sumpf.) Michel! O weh, er ist versunken. Michel! Er hort mich nicht, er ist erstickt. Bist doch krepiert, du Memme. - Wir sind geschlagen. Feinde, uberall Feinde!

(Gotz, Georg zu Pferde.)

Gotz. Halt, Kerl, oder du bist des Todes!

Knecht. Schont meines Lebens!

Gotz. Dein Schwert! Georg, fuhr ihn zu den andern Gefangenen, die Lerse dort unten am Wald hat. Ich mu? ihren fluchtigen Fuhrer erreichen. (Ab.)

Knecht. Was ist aus unserm Ritter geworden, der uns fuhrte?

Georg. Unterst zu oberst sturzt' ihn mein Herr vom Pferd, da? der Federbusch im Kot stak. Seine Reiter huben ihn aufs Pferd und fort, wie besessen. (Ab.)


Lager
Hauptmann. Erster Ritter.

Erster Ritter. Sie fliehen von weitem dem Lager zu.

Hauptmann. Er wird ihnen an den Fersen sein. La?t ein funfzig ausrucken bis an die Muhle; wenn er sich zu weit verliert, erwischt Ihr ihn vielleicht.

(Ritter ab. - Zweiter Ritter gefuhrt.)

Hauptmann. Wie geht's, junger Herr? Habt Ihr ein paar Zinken abgerennt?

Ritter. Da? dich die Pest! Das starkste Geweih ware gesplittert wie Glas. Du Teufel! Er rannt auf mich los, es war mir, als wenn mich der Donner in die Erd hineinschlug.

Hauptmann. Dankt Gott, da? Ihr noch davongekommen seid.

Ritter. Es ist nichts zu danken, ein paar Rippen sind entzwei. Wo ist der Feldscher? (Ab.)


Jagsthausen
Gotz. Selbitz.

Gotz. Was sagst du zu der Achtserklarung, Selbitz?

Selbitz. Es ist ein Streich von Weislingen.

Gotz. Meinst du?

Selbitz. Ich meine nicht, ich wei?.

Gotz. Woher?

Selbitz. Er war auf dem Reichstag, sag ich dir, er war um den Kaiser.

Gotz. Wohl, so machen wir ihm wieder einen Anschlag zunichte.

Selbitz. Hoff's.

Gotz. Wir wollen fort! und soll die Hasenjagd angehn.


Lager
Hauptmann. Ritter.

Hauptmann. Dabei kommt nichts heraus, ihr Herrn. Er schlagt uns einen Haufen nach dem andern, und was nicht umkommt und gefangen wird, das lauft in Gottes Namen lieber nach der Turkei als ins Lager zuruck. So werden wir alle Tag schwacher. Wir mussen einmal fur allemal ihm zu Leib gehen, und das mit Ernst; ich will selbst dabei sein, und er soll sehn, mit wem er zu tun hat.

Ritter. Wir sind's all zufrieden; nur ist er der Landsart so kundig, wei? alle Gange und Schliche im Gebirg, da? er so wenig zu fangen ist wie eine Maus auf dem Kornboden.

Hauptmann. Wollen ihn schon kriegen. Erst auf Jagsthausen zu. Mag er wollen oder nicht, er mu? herbei, sein Schlo? zu verteidigen.

Ritter. Soll unser ganzer Hauf marschieren?

Hauptmann. Freilich! Wi?t Ihr, da? wir schon um hundert geschmolzen sind?

Ritter. Drum geschwind, eh der ganze Eisklumpen auftaut; es macht warm in der Nahe, und wir stehn da wie Butter an der Sonne. (Ab.)


Gebirg und Wald
Gotz. Selbitz. Trupp.

Gotz. Sie kommen mit hellem Hauf. Es war hohe Zeit, da? Sickingens Reiter zu uns stie?en.

Selbitz. Wir wollen uns teilen. Ich will linker Hand um die Hohe ziehen.

Gotz. Gut. Und du, Franz, fuhre mir die funfzig rechts durch den Wald hinauf; sie kommen uber die Heide, ich will gegen ihnen halten. Georg, du bleibst um mich. Und wenn Ihr seht, da? sie mich angreifen, so fallt ungesaumt in die Seiten. Wir wollen sie patschen. Sie denken nicht, da? wir ihnen die Spitze bieten konnen. (Ab.)


Heide
Auf der einen Seite eine Hohe, auf der andern Wald.

Hauptmann. Exekutionszug.

Hauptmann. Er halt auf der Heide! Das ist impertinent. Er soll's bu?en. Was! Den Strom nicht zu furchten, der auf ihn losbraust?

Ritter. Ich wollt nicht, da? Ihr an der Spitze rittet; er hat das Ansehn, als ob er den ersten, der ihn ansto?en mochte, umgekehrt in die Erde pflanzen wollte. Reitet hinterdrein.

Hauptmann. Nicht gern.

Ritter. Ich bitt Euch. Ihr seid noch der Knoten von diesem Bundel Haselruten; lost ihn auf, so knickt er sie Euch einzeln wie Riedgras.

Hauptmann. Trompeter, blas! Und ihr blast ihn weg! (Ab.)

(Selbitz hinter der Hohe hervor im Galopp.)

Selbitz. Mir nach! Sie sollen zu ihren Handen rufen: >Multipliziert euch!< (Ab.)

(Lerse aus dem Wald.)

Lerse. Gotzen zu Hulf ! Er ist fast umringt. Braver Selbitz, du hast schon Luft gemacht. Wir wollen die Heide mit ihren Distelkopfen besaen. (Vorbei.)

(Getummel.)


Eine Hohe mit einem Wartturn
Selbitz verwundet. Knechte.

Selbitz. Legt mich hieher und kehrt zu Gotzen.

Erster Knecht. La?t uns bleiben, Herr, Ihr braucht unser.

Selbitz. Steig einer auf die Warte und seh, wie's geht.

Erster Knecht. Wie will ich hinaufkommen?

Zweiter Knecht. Steig auf meine Schultern, da kannst du die Lucke reichen und dir bis zur Offnung hinaufhelfen.

Erster Knecht (steigt hinauf). Ach, Herr!

Selbitz. Was siehest du?

Erster Knecht. Eure Reiter fliehen der Hohe zu.

Selbitz. Hollische Schurken! Ich wollt, sie stunden und ich hatt eine Kugel vorm Kopf. Reit einer hin! und fluch und wetter sie zuruck. (Knecht ab.) Siehest du Gotzen?

Knecht. Die drei schwarzen Federn seh ich mitten im Getummel.

Selbitz. Schwimm, braver Schwimmer. Ich liege hier!

Knecht. Ein wei?er Federbusch, wer ist das?

Selbitz. Der Hauptmann.

Knecht. Gotz drangt sich an ihn - Bauz! Er sturzt.

Selbitz. Der Hauptmann?

Knecht. Ja, Herr.

Selbitz. Wohl! Wohl!

Knecht. Weh! Weh! Gotzen seh ich nicht mehr.

Selbitz. So stirb, Selbitz!

Knecht. Ein furchterlich Gedrang, wo er stund. Georgs blauer Busch verschwindt auch.

Selbitz. Komm herunter. Siehst du Lersen nicht?

Knecht. Nichts. Es geht alles drunter und druber.

Selbitz. Nichts mehr. Komm! Wie halten sich Sickingens Reiter?

Knecht. Gut. - Da flieht einer nach dem Wald. Noch einer! Ein ganzer Trupp! Gotz ist hin.

Selbitz. Komm herab.

Knecht. Ich kann nicht. - Wohl! Wohl! Ich sehe Gotzen! Ich sehe Georgen!

Selbitz. Zu Pferd?

Knecht. Hoch zu Pferd! Sieg! Sieg! Sie fliehn.

Selbitz. Die Reichstruppen?

Knecht. Die Fahne mittendrin, Gotz hintendrein. Sie zerstreuen sich. Gotz erreicht den Fahndrich - Er hat die Fahn - Er halt. Eine Handvoll Menschen um ihn herum. Mein Kamerad erreicht ihn - Sie ziehn herauf.

(Gotz. Georg. Lerse. Ein Trupp.)

Selbitz. Gluck zu, Gotz! Sieg! Sieg!

Gotz (steigt vom Pferd). Teuer! Teuer! Du bist verwundt, Selbitz?

Selbitz. Du lebst und siegst! Ich habe wenig getan. Und meine Hunde von Reitern! Wie bist du davongekommen?

Gotz. Diesmal galt's! Und hier Georgen dank ich das Leben, und hier Lersen dank ich's. Ich warf den Hauptmann vom Gaul. Sie stachen mein Pferd nieder und drangen auf mich ein. Georg hieb sich zu mir und sprang ab, ich wie der Blitz auf seinen Gaul, wie der Donner sa? er auch wieder. Wie kamst du zum Pferd?

Georg. Einem, der nach Euch hieb, stie? ich meinen Dolch in die Gedarme, wie sich sein Harnisch in die Hohe zog. Er sturzt', und ich half Euch von einem Feind und mir zu einem Pferde.

Gotz. Nun staken wir, bis sich Franz zu uns hereinschlug, und da mahten wir von innen heraus.

Lerse. Die Hunde, die ich fuhrte, sollten von au?en hineinmahen, bis sich unsere Sensen begegnet hatten; aber sie flohen wie Reichsknechte.

Gotz. Es flohe Freund und Feind. Nur du kleiner Hauf hieltest mir den Rucken frei; ich hatte mit den Kerls vor mir genug zu tun. Der Fall ihres Hauptmanns half mir sie schutteln, und sie flohen. Ich habe ihre Fahne und wenig Gefangene.

Selbitz. Der Hauptmann ist Euch entwischt?

Gotz. Sie hatten ihn inzwischen gerettet. Kommt, Kinder! kommt, Selbitz! - Macht eine Bahre von Asten; - du kannst nicht aufs Pferd. Kommt in mein Schlo?. Sie sind zerstreut. Aber unser sind wenig, und ich wei? nicht, ob sie Truppen nachzuschicken haben. Ich will euch bewirten, meine Freunde. Ein Glas Wein schmeckt auf so einen Strau?.


Lager
Hauptmann.

Hauptmann. Ich mocht euch alle mit eigner Hand umbringen! Was, fortlaufen! Er hatte keine Handvoll Leute mehr! Fortzulaufen, vor einem Mann! Es wird's niemand glauben, als wer uber uns zu lachen Lust hat. - Reit herum, Ihr, und Ihr, und Ihr. Wo ihr von unsern zerstreuten Knechten findt, bringt sie zuruck oder stecht sie nieder. Wir mussen diese Scharten auswetzen, und wenn die Klingen druber zugrunde gehen sollten.


Jagsthausen
Gotz. Lerse. Georg.

Gotz. Wir durfen keinen Augenblick saumen! Arme Jungen, ich darf euch keine Rast gonnen. Jagt geschwind herum und sucht noch Reiter aufzutreiben. Bestellt sie alle nach Weilern, da sind sie am sichersten. Wenn wir zogern, so ziehen sie mir vors Schlo?. (Die zwei ab.) Ich mu? einen auf Kundschaft ausjagen. Es fangt an hei? zu werden. Und wenn es nur noch brave Kerls waren! aber so ist's die Menge. (Ab.)

(Sickingen. Maria.)

Maria. Ich bitte Euch, lieber Sickingen, geht nicht von meinem Bruder! Seine Reiter, Selbitzens, Eure sind zerstreut; er ist allein, Selbitz ist verwundet auf sein Schlo? gebracht, und ich furchte alles.

Sickingen. Seid ruhig, ich gehe nicht weg.

(Gotz kommt.)

Gotz. Kommt in die Kirch, der Pater wartet. Ihr sollt mir in einer Viertelstund ein Paar sein.

Sickingen. La?t mich hier.

Gotz. In die Kirch sollt Ihr jetzt.

Sickingen. Gern - und darnach?

Gotz. Darnach sollt Ihr Eurer Wege gehn.

Sickingen. Gotz!

Gotz. Wollt Ihr nicht in die Kirche?

Sickingen. Kommt, kommt!


Lager
Hauptmann. Ritter.

Hauptmann. Wie viel sind's in allem?

Ritter. Hundertundfunfzig.

Hauptmann. Von vierhunderten! Das ist arg. Jetzt gleich auf und grad gegen Jagsthausen zu, eh er sich erholt und sich uns wieder in Weg stellt.

Jagsthausen
Gotz. Elisabeth. Maria. Sickingen.

Gotz. Gott segne euch, geb euch gluckliche Tage, und behalte die, die er euch abzieht, fur eure Kinder.

Elisabeth. Und die la? er sein, wie ihr seid: rechtschaffen! Und dann la?t sie werden, was sie wollen.

Sickingen. Ich dank euch. Und dank Euch, Maria. Ich fuhrte Euch an den Altar, und Ihr sollt mich zur Gluckseligkeit fuhren.

Maria. Wir wollen zusammen eine Pilgrimschaft nach diesem fremden gelobten Lande antreten.

Gotz. Gluck auf die Reise!

Maria. So ist's nicht gemeint, wir verlassen Euch nicht.

Gotz. Ihr sollt, Schwester.

Maria. Du bist sehr unbarmherzig, Bruder!

Gotz. Und Ihr zartlicher als vorsehend.

(Georg kommt.)

Georg (heimlich). Ich kann niemand auftreiben. Ein einziger war geneigt; darnach veranderte er sich und wollte nicht.

Gotz. Gut, Georg. Das Gluck fangt mir an wetterwendisch zu werden. Ich ahnt's aber. (Laut.) Sickingen, ich bitt Euch, geht noch diesen Abend. Beredet Marie. Sie ist Eure Frau. La?t sie's fuhlen. Wenn Weiber quer in unsere Unternehmung treten, ist unser Feind im freien Feld sichrer als sonst in der Burg.

(Knecht kommt.)

Knecht (leise). Herr, das Reichsfahnlein ist auf dem Marsch, grad hieher, sehr schnell.

Gotz. Ich hab sie mit Rutenstreichen geweckt! Wieviel sind ihrer?

Knecht. Ungefahr zweihundert. Sie konnen nicht zwei Stunden mehr von hier sein.

Gotz. Noch uberm Flu??

Knecht. Ja, Herr.

Gotz. Wenn ich nur funfzig Mann hatte, sie sollten mir nicht heruber. Hast du Lersen nicht gesehen?

Knecht. Nein, Herr.

Gotz. Biet allen, sie sollen sich bereit halten. - Es mu? geschieden sein, meine Lieben. Weine, meine gute Marie, es werden Augenblicke kommen, wo du dich freuen wirst. Es ist besser, du weinst an deinem Hochzeittag, als da? ubergro?e Freude der Vorbote kunftigen Elends ware. Lebt wohl, Marie. Lebt wohl, Bruder.

Maria. Ich kann nicht von Euch, Schwester. Lieber Bruder, la? uns. Achtest du meinen Mann so wenig, da? du in dieser Extremitat seine Hulfe verschmahst?

Gotz. Ja, es ist weit mit mir gekommen. Vielleicht bin ich meinem Sturz nahe. Ihr beginnt zu leben, und ihr sollt euch von meinem Schicksal trennen. Ich hab eure Pferde zu satteln befohlen. Ihr mu?t gleich fort.

Maria. Bruder! Bruder!

Elisabeth (zu Sickingen). Gebt ihm nach! Geht!

Sickingen. Liebe Marie, la?t uns gehen.

Maria. Du auch? Mein Herz wird brechen.

Gotz. So bleib denn. In wenigen Stunden wird meine Burg umringt sein.

Maria. Weh! Weh!

Gotz. Wir werden uns verteidigen, so gut wir konnen.

Maria. Mutter Gottes, hab Erbarmen mit uns!

Gotz. Und am Ende werden wir sterben, oder uns ergeben. - Du wirst deinen edeln Mann mit mir in ein Schicksal geweint haben.

Maria. Du marterst mich.

Gotz. Bleib! Bleib! Wir werden zusammen gefangen werden. Sickingen, du wirst mit mir in die Grube fallen! Ich hoffte, du solltest mir heraushelfen.

Maria. Wir wollen fort. Schwester, Schwester!

Gotz. Bringt sie in Sicherheit, und dann erinnert Euch meiner.

Sickingen. Ich will ihr Bette nicht besteigen, bis ich Euch au?er Gefahr wei?.

Gotz. Schwester - liebe Schwester! (Ku?t sie.)

Sickingen. Fort, fort!

Gotz. Noch einen Augenblick - Ich seh Euch wieder. Trostet Euch. Wir sehn uns wieder.

(Sickingen, Maria ab.)

Gotz. Ich trieb sie, und da sie geht, mocht ich sie halten. Elisabeth, du bleibst bei mir!

Elisabeth. Bis in den Tod. (Ab.)

Gotz. Wen Gott lieb hat, dem geb er so eine Frau!

(Georg kommt.)

Georg. Sie sind in der Nahe, ich habe sie vom Turn gesehen. Die Sonne ging auf, und ich sah ihre Piken blinken. Wie ich sie sah, wollt mir's nicht banger werden, als einer Katze vor einer Armee Mause. Zwar wir spielen die Ratten.

Gotz. Seht nach den Torriegeln. Verrammelt's inwendig mit Balken und Steinen. (Georg ab.) Wir wollen ihre Geduld fur'n Narren halten, und ihre Tapferkeit sollen sie mir an ihren eigenen Nageln verkauen. (Trompeter von au?en.) Aha! ein rotrockiger Schurke, der uns die Frage vorlegen wird, ob wir Hundsfotter sein wollen. (Er geht ans Fenster.) Was soll's?

(Man hort in der Ferne reden.)

Gotz (in seinen Bart). Einen Strick um deinen Hals.

(Trompeter redet fort.)

Gotz. >Beleidiger der Majestat!< - Die Aufforderung hat ein Pfaff gemacht.

(Trompeter endet.)

Gotz (antwortet). Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Mit wem redet Ihr! Bin ich ein Rauber! Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kaiserliche Majestat hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag's ihm, er kann mich - - - (Schmei?t das Fenster zu.)


Belagerung. Kuche
Elisabeth. Gotz zu ihr.

Gotz. Du hast viel Arbeit, arme Frau.

Elisabeth. Ich wollt, ich hatte sie lang. Wir werden schwerlich lang aushalten konnen.

Gotz. Wir hatten nicht Zeit, uns zu versehen.

Elisabeth. Und die vielen Leute, die Ihr zeither gespeist habt. Mit dem Wein sind wir auch schon auf der Neige.

Gotz. Wenn wir nur auf einen gewissen Punkt halten, da? sie Kapitulation vorschlagen. Wir tun ihnen brav Abbruch. Sie schie?en den ganzen Tag und verwunden unsere Mauern und knicken unsere Scheiben. Lerse ist ein braver Kerl; er schleicht mit seiner Buchse herum; wo sich einer zu nahe wagt, blaff, liegt er.

Knecht. Kohlen, gnadige Frau.

Gotz. Was gibt's?

Knecht. Die Kugeln sind alle, wir wollen neue gie?en.

Gotz. Wie steht's Pulver?

Knecht. So ziemlich. Wir sparen unsere Schusse wohl aus.


Saal
Lerse mit einer Kugelform. Knecht mit Kohlen.

Lerse. Stell sie daher, und seht, wo ihr im Hause Blei kriegt. Inzwischen will ich hier zugreifen. (Hebt ein Fenster aus und schlagt die Scheiben ein.) Alle Vorteile gelten. - So geht's in der Welt, wei? kein Mensch, was aus den Dingen werden kann. Der Glaser, der die Scheiben fa?te, dachte gewi? nicht, da? das Blei einem seiner Urenkel garstiges Kopfweh machen konnte! und da mich mein Vater zeugte, dachte er nicht, welcher Vogel unter dem Himmel, welcher Wurm auf der Erde mich fressen mochte.

(Georg kommt mit einer Dachrinne.)

Georg. Da hast du Blei. Wenn du nur mit der Halfte triffst, so entgeht keiner, der Ihro Majestat ansagen kann: >Herr, wir haben schlecht bestanden.<

Lerse (haut davon). Ein brav Stuck.

Georg. Der Regen mag sich einen andern Weg suchen! ich bin nicht bang davor; ein braver Reiter und ein rechter Regen kommen uberall durch.

Lerse. (Er gie?t.) Halt den Loffel. (Geht ans Fenster.) Da zieht so ein Reichsknappe mit der Buchse herum; sie denken, wir haben uns verschossen. Er soll die Kugel versuchen, warm wie sie aus der Pfanne kommt. (Ladt.)

Georg (lehnt den Loffel an). La? mich sehn.

Lerse (schie?t). Da liegt der Spatz.

Georg. Der scho? vorhin nach mir (sie gie?en), wie ich zum Dachfenster hinausstieg und die Rinne holen wollte. Er traf eine Taube, die nicht weit von mir sa?, sie sturzt' in die Rinne; ich dankt ihm fur den Braten und stieg mit der doppelten Beute wieder herein.

Lerse. Nun wollen wir wohl laden und im ganzen Schlo? herumgehen, unser Mittagessen verdienen.

(Gotz kommt.)

Gotz. Bleib, Lerse! Ich habe mit dir zu reden! Dich, Georg, will ich nicht von der Jagd abhalten.

(Georg ab.)

Gotz. Sie entbieten mir einen Vertrag.

Lerse. Ich will zu ihnen hinaus und horen, was es soll.

Gotz. Es wird sein: ich soll mich auf Bedingungen in ritterlich Gefangnis stellen.

Lerse. Das ist nichts. Wie war's, wenn sie uns freien Abzug eingestunden, da Ihr doch von Sickingen keinen Entsatz erwartet? Wir vergruben Geld und Silber, wo sie's mit keiner Wunschelrute finden sollten, uberlie?en ihnen das Schlo?, und kamen mit Manier davon.

Gotz. Sie lassen uns nicht.

Lerse. Es kommt auf eine Prob an. Wir wollen um sicher Geleit rufen, und ich will hinaus. (Ab.)


Saal
Gotz, Elisabeth, Georg, Knechte bei Tische.

Gotz. So bringt uns die Gefahr zusammen. La?t's euch schmecken, meine Freunde! Verge?t das Trinken nicht. Die Flasche ist leer. Noch eine, liebe Frau. (Elisabeth zuckt die Achsel.) Ist keine mehr da?

Elisabeth (leise). Noch eine; ich hab sie fur dich beiseite gesetzt.

Gotz. Nicht doch, Liebe! Gib sie heraus. Sie brauchen Starkung, nicht ich; es ist ja meine Sache.

Elisabeth. Holt sie drau?en im Schrank!

Gotz. Es ist die letzte. Und mir ist's, als ob wir nicht zu sparen Ursach hatten. Ich bin lange nicht so vergnugt gewesen. (Schenkt ein.) Es lebe der Kaiser!

Alle. Er lebe!

Gotz. Das soll unser vorletztes Wort sein, wenn wir sterben! Ich lieb ihn, denn wir haben einerlei Schicksal. Und ich bin noch glucklicher als er. Er mu? den Reichsstanden die Mause fangen, inzwischen die Ratten seine Besitztumer annagen. Ich wei?, er wunscht sich manchmal lieber tot, als langer die Seele eines so kruppligen Korpers zu sein. (Schenkt ein.) Es geht just noch ein mal herum. Und wenn unser Blut anfangt, auf die Neige zu gehen, wie der Wein in dieser Flasche erst schwach, dann tropfenweise rinnt (tropfelt das Letzte in sein Glas), was soll unser letztes Wort sein?

Georg. Es lebe die Freiheit!

Gotz. Es lebe die Freiheit!

Alle. Es lebe die Freiheit!

Gotz. Und wenn die uns uberlebt, konnen wir ruhig sterben. Denn wir sehen im Geist unsere Enkel glucklich und die Kaiser unsrer Enkel glucklich. Wenn die Diener der Fursten so edel und frei dienen wie ihr mir, wenn die Fursten dem Kaiser dienen, wie ich ihm dienen mochte -

Georg. Da mu?t's viel anders werden.

Gotz. So viel nicht, als es scheinen mochte. Hab ich nicht unter den Fursten treffliche Menschen gekannt, und sollte das Geschlecht ausgestorben sein? Gute Menschen, die in sich und ihren Untertanen glucklich waren; die einen edeln freien Nachbar neben sich leiden konnten und ihn weder furchteten noch beneideten; denen das Herz aufging, wenn sie viel ihresgleichen bei sich zu Tisch sahen und nicht erst die Ritter zu Hofschranzen umzuschaffen brauchten, um mit ihnen zu leben.

Georg. Habt Ihr solche Herrn gekannt?,

Gotz. Wohl. Ich erinnere mich zeitlebens, wie der Landgraf von Hanau eine Jagd gab und die Fursten und Herrn, die zugegen waren, unter freiem Himmel speisten und das Landvolk all herbeilief, sie zu sehen. Das war keine Maskerade, die er sich selbst zu Ehren angestellt hatte. Aber die vollen runden Kopfe der Bursche und Madel, die roten Backen alle, und die wohlhabigen Manner und stattlichen Greise, und alles frohliche Gesichter, und wie sie teilnahmen an der Herrlichkeit ihres Herrn, der auf Gottes Boden unter ihnen sich ergetzte!

Georg. Das war ein Herr, vollkommen wie Ihr.

Gotz. Sollten wir nicht hoffen, da? mehr solcher Fursten auf einmal herrschen konnen? da? Verehrung des Kaisers, Fried und Freundschaft der Nachbarn und Lieb der Untertanen der kostbarste Familienschatz sein wird, der auf Enkel und Urenkel erbt? Jeder wurde das Seinige erhalten und in sich selbst vermehren, statt da? sie jetzo nicht zuzunehmen glauben, wenn sie nicht andere verderben.

Georg. Wurden wir hernach auch reiten?

Gotz. Wollte Gott, es gabe keine unruhige Kopfe in ganz Deutschland! wir wurden noch immer zu tun genug finden. Wir wollten die Gebirge von Wolfen saubern, wollten unserm ruhig ackernden Nachbar einen Braten aus dem Wald holen und dafur die Suppe mit ihm essen. War uns das nicht genug, wir wollten uns mit unsern Brudern, wie Cherubim mit flammenden Schwertern, vor die Grenzen des Reichs gegen die Wolfe die Turken, gegen die Fuchse die Franzosen lagern und zugleich unsers teuern Kaisers sehr ausgesetzte Lander und die Ruhe des Reichs beschutzen. Das ware ein Leben! Georg! wenn man seine Haut fur die allgemeine Gluckseligkeit dransetzte. (Georg springt auf.) Wo willst du hin?

Georg. Ach ich verga?, da? wir eingesperrt sind - und der Kaiser hat uns eingesperrt - und unsere Haut davonzubringen, setzen wir unsere Haut dran?

Gotz. Sei gutes Muts.

(Lerse kommt.)

Lerse. Freiheit! Freiheit! Das sind schlechte Menschen, unschlussige bedachtige Esel. Ihr sollt abziehen mit Gewehr, Pferden und Rustung. Proviant sollt Ihr dahintenlassen.

Gotz. Sie werden sich kein Zahnweh dran kauen.

Lerse (heimlich). Habt Ihr das Silber versteckt?

Gotz. Nein! Frau, geh mit Franzen, er hat dir was zu sagen.

(Alle ab.)


Schlo?hof
Georg (im Stall, singt).
Es fing ein Knab ein Vogelein,
Hm! Hm!
Da lacht' er in den Kafig 'nein,
Hm! Hm!
So! So!
Hm! Hm!
Der freut' sich traun so lappisch,
Hm! Hm!
Und griff hinein so tappisch,
Hm! Hm!
So! So!
Hm! Hm!

Da flog das Meislein auf ein Haus,
Hm! Hm!
Und lacht' den dummen Buben aus,
Hm! Hm!
So! So!
Hm! Hm!



Gotz. Wie steht's?

Georg (fuhrt sein Pferd heraus). Sie sind gesattelt.

Gotz. Du bist fix.

Georg. Wie der Vogel aus dem Kafig.

(Alle die Belagerten.)

Gotz. Ihr habt eure Buchsen? Nicht doch! Geht hinauf und nehmt die besten aus dem Rustschrank, es geht in einem hin. Wir wollen vorausreiten.

Georg.
Hm! Hm!
So! So!
Hm! Hm! (Ab.)



Saal
Zwei Knechte am Rustschrank.

Erster Knecht. Ich nehm die.

Zweiter Knecht. Ich die. Da ist noch eine schonere.

Erster Knecht. Nicht doch! Mach, da? du fortkommst.

Zweiter Knecht. Horch!

Erster Knecht (springt ans Fenster). Hilf, heiliger Gott! sie ermorden unsern Herrn. Er liegt vom Pferd! Georg sturzt!

Zweiter Knecht. Wo retten wir uns! An der Mauer den Nu?baum hinunter ins Feld. (Ab.)

Erster Knecht. Franz halt sich noch, ich will zu ihm. Wenn sie sterben, mag ich nicht leben. (Ab.)

Vierter Akt
Wirtshaus zu Heilbronn
Gotz.

Gotz. Ich komme mir vor wie der bose Geist, den der Kapuziner in einen Sack beschwur. Ich arbeite mich ab und fruchte mir nichts. Die Meineidigen!

(Elisabeth kommt.)

Gotz. Was fur Nachrichten, Elisabeth, von meinen lieben Getreuen?

Elisabeth. Nichts Gewisses. Einige sind erstochen, einige liegen im Turn. Es konnte oder wollte niemand mir sie naher bezeichnen.

Gotz. Ist das Belohnung der Treue? des kindlichen Gehorsams? - Auf da? dir's wohl gehe und du lange lebest auf Erden!

Elisabeth. Lieber Mann, schilt unsern himmlischen Vater nicht. Sie haben ihren Lohn, er ward mit ihnen geboren, ein freies edles Herz. La? sie gefangen sein, sie sind frei! Gib auf die deputierten Rate acht, die gro?en goldnen Ketten stehen ihnen zu Gesicht -

Gotz. Wie dem Schwein das Halsband. Ich mochte Georgen und Franzen geschlossen sehn!

Elisabeth. Es ware ein Anblick, um Engel weinen zu machen.

Gotz. Ich wollt nicht weinen. Ich wollte die Zahne zusammenbei?en und an meinem Grimm kauen. In Ketten meine Augapfel! Ihr lieben Jungen, hattet ihr mich nicht geliebt! - Ich wurde mich nicht satt an ihnen sehen konnen. - Im Namen des Kaisers ihr Wort nicht zu halten!

Elisabeth. Entschlagt Euch dieser Gedanken. Bedenkt, da? Ihr vor den Raten erscheinen sollt. Ihr seid nicht gestellt, ihnen wohl zu begegnen, und ich furchte alles.

Gotz. Was wollen sie mir anhaben?

Elisabeth. Der Gerichtsbote!

Gotz. Esel der Gerechtigkeit! Schleppt ihre Sacke zur Muhle, und ihren Kehrig aufs Feld. Was gibt's?

(Gerichtsdiener kommt.)

Gerichtsdiener. Die Herren Kommissarii sind auf dem Rathause versammelt und schicken nach Euch.

Gotz. Ich komme.

Gerichtsdiener. Ich werde Euch begleiten.

Gotz. Viel Ehre.

Elisabeth. Ma?igt Euch.

Gotz. Sei au?er Sorgen. (Ab.)


Rathaus
Kaiserliche Rate. Hauptmann. Ratsherren von Heilbronn.

Ratsherr. Wir haben auf Euern Befehl die starksten und tapfersten Burger versammelt; sie warten hier in der Nahe auf Euern Wink, um sich Berlichingens zu bemeistern.

Erster Rat. Wir werden Ihro Kaiserlichen Majestat Eure Bereitwilligkeit, Ihrem hochsten Befehl zu gehorchen, mit vielem Vergnugen zu ruhmen wissen. - Es sind Handwerker?

Ratsherr. Schmiede, Weinschroter, Zimmerleute, Manner mit geubten Fausten und hier wohl beschlagen (auf die Brust deutend).

Rat. Wohl.

(Gerichtsdiener kommt.)

Gerichtsdiener. Gotz von Berlichingen wartet vor der Tur.

Rat. La?t ihn herein.

(Gotz kommt.)

Gotz. Gott gru? euch, ihr Herrn, was wollt ihr mit mir?

Rat. Zuerst, da? Ihr bedenkt: wo Ihr seid? und vor wem?

Gotz. Bei meinem Eid, ich verkenn euch nicht, meine Herrn.

Rat. Ihr tut Eure Schuldigkeit.

Gotz. Von ganzem Herzen.

Rat. Setzt Euch.

Gotz. Da unten hin? Ich kann stehn. Das Stuhlchen riecht so nach armen Sundern, wie uberhaupt die ganze Stube.

Rat. So steht!

Gotz. Zur Sache, wenn's gefallig ist.

Rat. Wir werden in der Ordnung verfahren.

Gotz. Bin's wohl zufrieden, wollt, es war von jeher geschehen.

Rat. Ihr wi?t, wie Ihr auf Gnad und Ungnad in unsere Hande kamt.

Gotz. Was gebt Ihr mir, wenn ich's vergesse?

Rat. Wenn ich Euch Bescheidenheit geben konnte, wurd ich Eure Sache gut machen.

Gotz. Gut machen! Wenn Ihr das konntet! Dazu gehort freilich mehr als zum Verderben.

Schreiber. Soll ich das alles protokollieren?

Rat. Was zur Handlung gehort.

Gotz. Meinetwegen durft Ihr's drucken lassen.

Rat. Ihr wart in der Gewalt des Kaisers, dessen vaterliche Gnade an den Platz der majestatischen Gerechtigkeit trat, Euch anstatt eines Kerkers Heilbronn, eine seiner geliebten Stadte, zum Aufenthalt anwies. Ihr verspracht mit einem Eid, Euch, wie es einem Ritter geziemt, zu stellen und das Weitere demutig zu erwarten.

Gotz. Wohl, und ich bin hier und warte.

Rat. Und wir sind hier, Euch Ihro Kaiserlichen Majestat Gnade und Huld zu verkundigen. Sie verzeiht Euch Eure Ubertretungen, spricht Euch von der Acht und aller wohlverdienten Strafe los, welches Ihr mit untertanigem Dank erkennen und dagegen die Urfehde abschworen werdet, welche Euch hiermit vorgelesen werden soll.

Gotz. Ich bin Ihro Majestat treuer Knecht wie immer. Noch ein Wort, eh Ihr weitergeht: Meine Leute, wo sind die? Was soll mit ihnen werden?

Rat. Das geht Euch nichts an.

Gotz. So wende der Kaiser sein Angesicht von Euch, wenn Ihr in Not steckt! Sie waren meine Gesellen, und sind's. Wo habt Ihr sie hingebracht?

Rat. Wir sind Euch davon keine Rechnung schuldig.

Gotz. Ah! Ich dachte nicht, da? Ihr nicht einmal zu dem verbunden seid, was Ihr versprecht, geschweige -

Rat. Unsere Kommission ist, Euch die Urfehde vorzulegen. Unterwerft Euch dem Kaiser, und Ihr werdet einen Weg finden, um Eurer Gesellen Leben und Freiheit zu flehen.

Gotz. Euern Zettel.

Rat. Schreiber, leset!

Schreiber. >Ich Gotz von Berlichingen bekenne offentlich durch diesen Brief: Da?, da ich mich neulich gegen Kaiser und Reich rebellischerweise aufgelehnt< -

Gotz. Das ist nicht wahr. Ich bin kein Rebell, habe gegen Ihro Kaiserliche Majestat nichts verbrochen, und das Reich geht mich nichts an.

Rat. Ma?igt Euch und hort weiter.

Gotz. Ich will nichts weiter horen. Tret einer auf und zeuge! Hab ich wider den Kaiser, wider das Haus Osterreich nur einen Schritt getan? Hab ich nicht von jeher durch alle Handlungen bewiesen, da? ich besser als einer fuhle, was Deutschland seinen Regenten schuldig ist? und besonders was die Kleinen, die Ritter und Freien, ihrem Kaiser schuldig sind? Ich mu?te ein Schurke sein, wenn ich mich konnte bereden lassen, das zu unterschreiben.

Rat. Und doch haben wir gemessene Ordre, Euch in der Gute zu uberreden, oder im Entstehungsfall Euch in den Turn zu werfen.

Gotz. In Turn? mich?

Rat. Und daselbst konnt Ihr Euer Schicksal von der Gerechtigkeit erwarten, wenn Ihr es nicht aus den Handen der Gnade empfangen wollt.

Gotz. In Turn! Ihr mi?braucht die Kaiserliche Gewalt. In Turn! Das ist sein Befehl nicht. Was! mir erst, die Verrater! eine Falle zu stellen, und ihren Eid, ihr ritterlich Wort zum Speck drin aufzuhangen! Mir dann ritterlich Gefangnis zusagen, und die Zusage wieder brechen.

Rat. Einem Rauber sind wir keine Treue schuldig.

Gotz. Trugst du nicht das Ebenbild des Kaisers, das ich in dem gesudeltsten Konterfei verehre, du solltest mir den Rauber fressen oder dran erwurgen! Ich bin in einer ehrlichen Fehd begriffen. Du konntest Gott danken und dich vor der Welt gro? machen, wenn du in deinem Leben eine so edle Tat getan hattest, wie die ist, um welcher willen ich gefangen sitze.

Rat (winkt dem Ratsherrn, der zieht die Schelle).

Gotz. Nicht um des leidigen Gewinsts willen, nicht um Land und Leute unbewehrten Kleinen wegzukapern, bin ich ausgezogen. Meinen Jungen zu befreien, und mich meiner Haut zu wehren! Seht Ihr was Unrechts dran? Kaiser und Reich hatten unsere Not nicht in ihrem Kopfkissen gefuhlt. Ich habe Gott sei Dank noch eine Hand, und habe wohl getan, sie zu brauchen.

(Burger treten herein, Stangen in der Hand, Wehren an der Seite.)

Gotz. Was soll das?

Rat. Ihr wollt nicht horen. Fangt ihn!

Gotz. Ist das die Meinung? Wer kein ungrischer Ochs ist, komm mir nicht zu nah! Er soll von dieser meiner rechten eisernen Hand eine solche Ohrfeige kriegen, die ihm Kopfweh, Zahnweh und alles Weh der Erden aus dem Grund kurieren soll. (Sie machen sich an ihn, er schlagt den einen zu Boden, und rei?t einem andern die Wehre von der Seite, sie weichen.) Kommt! Kommt! Es ware mir angenehm, den Tapfersten unter euch kennenzulernen.

Rat. Gebt Euch.

Gotz. Mit dem Schwert in der Hand! Wi?t Ihr, da? es jetzt nur an mir lage, mich durch alle diese Hasenjager durchzuschlagen und das weite Feld zu gewinnen? Aber ich will Euch lehren, wie man Wort halt. Versprecht mir ritterlich Gefangnis, und ich gebe mein Schwert weg und bin wie vorher Euer Gefangener.

Rat. Mit dem Schwert in der Hand wollt Ihr mit dem Kaiser rechten?

Gotz. Behute Gott! Nur mit Euch und Eurer edlen Kompanie. - Ihr konnt nach Hause gehn, gute Leute. Fur die Versaumnis kriegt ihr nichts, und zu holen ist hier nichts als Beulen.

Rat. Greift ihn. Gibt euch eure Liebe zu euerm Kaiser nicht mehr Mut?

Gotz. Nicht mehr, als ihnen der Kaiser Pflaster gibt, die Wunden zu heilen, die sich ihr Mut holen konnte.

(Gerichtsdiener kommt.)

Gerichtsdiener. Eben ruft der Turner: es zieht ein Trupp von mehr als zweihunderten nach der Stadt zu. Unversehens sind sie hinter der Weinhohe hervorgedrungen und drohen unsern Mauern.

Ratsherr. Weh uns! was ist das?

(Wache kommt.)

Wache. Franz von Sickingen halt vor dem Schlag und la?t euch sagen: Er habe gehort, wie unwurdig man an seinem Schwager bundbruchig geworden sei, wie die Herrn von Heilbronn allen Vorschub taten. Er verlange Rechenschaft, sonst wolle er binnen einer Stunde die Stadt an vier Ecken anzunden und sie der Plunderung preisgeben.

Gotz. Braver Schwager!

Rat. Tretet ab, Gotz! - Was ist zu tun?

Ratsherr. Habt Mitleiden mit uns und unserer Burgerschaft! Sickingen ist unbandig in seinem Zorn, er ist Mann, es zu halten.

Rat. Sollen wir uns und dem Kaiser die Gerechtsame vergeben?

Hauptmann. Wenn wir nur Leute hatten, sie zu behaupten. So aber konnten wir umkommen, und die Sache ware nur desto schlimmer. Wir gewinnen im Nachgeben.

Ratsherr. Wir wollen Gotzen ansprechen, fur uns ein gut Wort einzulegen. Mir ist's, als wenn ich die Stadt schon in Flammen sahe.

Rat. La?t Gotzen herein.

Gotz. Was soll's?

Rat. Du wurdest wohl tun, deinen Schwager von seinem rebellischen Vorhaben abzumahnen. Anstatt dich vom Verderben zu retten, sturzt er dich tiefer hinein, indem er sich zu deinem Falle gesellt.

Gotz (sieht Elisabeth an der Tur, heimlich zu ihr). Geh hin! Sag ihm: er soll unverzuglich hereinbrechen, soll hieher kommen, nur der Stadt kein Leids tun. Wenn sich die Schurken hier widersetzen, soll er Gewalt brauchen. Es liegt mir nichts dran umzukommen, wenn sie nur alle mit erstochen werden.


Ein gro?er Saal auf dem Rathaus
Sickingen. Gotz.
Das ganze Rathaus ist mit Sickingens Reitern besetzt.

Gotz. Das war Hulfe vom Himmel! Wie kommst du so erwunscht und unvermutet, Schwager?

Sickingen. Ohne Zauberei. Ich hatte zwei, drei Boten ausgeschickt, zu horen, wie dir's ginge? Auf die Nachricht von ihrem Meineid macht ich mich auf den Weg. Nun haben wir sie.

Gotz. Ich verlange nichts als ritterliche Haft.

Sickingen. Du bist zu ehrlich. Dich nicht einmal des Vorteils zu bedienen, den der Rechtschaffene uber den Meineidigen hat! Sie sitzen im Unrecht, wir wollen ihnen keine Kissen unterlegen. Sie haben die Befehle des Kaisers schandlich mi?braucht. Und wie ich Ihro Majestat kenne, darfst du sicher auf mehr dringen. Es ist zu wenig.

Gotz. Ich bin von jeher mit wenigem zufrieden gewesen.

Sickingen. Und bist von jeher zu kurz gekommen. Meine Meinung ist: sie sollen deine Knechte aus dem Gefangnis und dich zusamt ihnen auf deinen Eid nach deiner Burg ziehen lassen. Du magst versprechen, nicht aus deiner Terminei zu gehen, und wirst immer besser sein als hier.

Gotz. Sie werden sagen: Meine Guter seien dem Kaiser heimgefallen.

Sickingen. So sagen wir: Du wolltest zur Miete drin wohnen, bis sie dir der Kaiser wieder zu Lehn gabe. La? sie sich wenden wie Aale in der Reuse, sie sollen uns nicht entschlupfen. Sie werden von Kaiserlicher Majestat reden, von ihrem Auftrag. Das kann uns einerlei sein. Ich kenne den Kaiser auch und gelte was bei ihm. Er hat immer gewunscht, dich unter seinem Heer zu haben. Du wirst nicht lang auf deinem Schlosse sitzen, so wirst du aufgerufen werden.

Gotz. Wollte Gott bald, eh ich 's Fechten verlerne.

Sickingen. Der Mut verlernt sich nicht, wie er sich nicht lernt. Sorge fur nichts! Wenn deine Sachen in der Ordnung sind, geh ich nach Hof, denn meine Unternehmung fangt an reif zu werden. Gunstige Aspekten deuten mir: >Brich auf!< Es ist mir nichts ubrig, als die Gesinnung des Kaisers zu sondieren. Trier und Pfalz vermuten eher des Himmels Einfall, als da? ich ihnen ubern Kopf kommen werde. Und ich will kommen wie ein Hagelwetter! Und wenn wir unser Schicksal machen konnen, so sollst du bald der Schwager eines Kurfursten sein. Ich hoffte auf deine Faust bei dieser Unternehmung.

Gotz (besieht seine Hand). Oh! das deutete der Traum, den ich hatte, als ich tags darauf Marien an Weislingen versprach. Er sagte mir Treu zu, und hielt meine rechte Hand so fest, da? sie aus den Armschienen ging, wie abgebrochen. Ach! Ich bin in diesem Augenblick wehrloser, als ich war, da sie mir abgeschossen wurde. Weislingen! Weislingen!

Sickingen. Vergi? einen Verrater. Wir wollen seine Anschlage vernichten, sein Ansehn untergraben, und Gewissen und Schande sollen ihn zu Tode fressen. Ich seh, ich seh im Geist meine Feinde, deine Feinde niedergesturzt. Gotz, nur noch ein halb Jahr!

Gotz. Deine Seele fliegt hoch. Ich wei? nicht; seit einiger Zeit wollen sich in der meinigen keine frohlichen Aussichten eroffnen. - Ich war schon mehr im Ungluck, schon einmal gefangen, und so, wie mir's jetzt ist, war mir's niemals.

Sickingen. Gluck macht Mut. Kommt zu den Perucken! Sie haben lang genug den Vortrag gehabt, la? uns einmal die Muh ubernehmen. (Ab.)


Adelheidens Schlo?
Adelheid. Weislingen.

Adelheid. Das ist verha?t!

Weislingen. Ich hab die Zahne zusammengebissen. Ein so schoner Anschlag, so glucklich vollfuhrt, und am Ende ihn auf sein Schlo? zu lassen! Der verdammte Sickingen!

Adelheid. Sie hatten's nicht tun sollen.

Weislingen. Sie sa?en fest. Was konnten sie machen? Sickingen drohte mit Feuer und Schwert, der hochmutige jahzornige Mann! Ich ha? ihn. Sein Ansehn nimmt zu wie ein Strom, der nur einmal ein paar Bache gefressen hat, die ubrigen folgen von selbst.

Adelheid. Hatten sie keinen Kaiser?

Weislingen. Liebe Frau! Er ist nur der Schatten davon, er wird alt und mi?mutig. Wie er horte, was geschehen war, und ich nebst den ubrigen Regimentsraten eiferte, sagte er: >La?t ihnen Ruh! Ich kann dem alten Gotz wohl das Platzchen gonnen, und wenn er da still ist, was habt ihr uber ihn zu klagen?Oh!hatt' ich von jeher Rate gehabt, die meinen unruhigen Geist mehr auf das Gluck einzelner Menschen gewiesen hatten!<

Adelheid. Er verliert den Geist eines Regenten.

Weislingen. Wir zogen auf Sickingen los. - >Er ist mein treuer Diener<, sagt' er; >hat er's nicht auf meinen Befehl getan, so tat er doch besser meinen Willen als meine Bevollmachtigten, und ich kann's guthei?en, vor oder nach.<

Adelheid. Man mochte sich zerrei?en.

Weislingen. Ich habe deswegen noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Er ist auf sein ritterlich Wort auf sein Schlo? gelassen, sich da still zu halten. Das ist ihm unmoglich; wir wollen bald eine Ursach wider ihn haben.

Adelheid. Und desto eher, da wir hoffen konnen, der Kaiser werde bald aus der Welt gehn, und Karl, sein trefflicher Nachfolger, majestatischere Gesinnungen verspricht.

Weislingen. Karl? Er ist noch weder gewahlt noch gekront.

Adelheid. Wer wunscht und hofft es nicht?

Weislingen. Du hast einen gro?en Begriff von seinen Eigenschaften; fast sollte man denken, du sahest sie mit andern Augen.

Adelheid. Du beleidigst mich, Weislingen. Kennst du mich fur das?

Weislingen. Ich sagte nichts dich zu beleidigen. Aber schweigen kann ich nicht dazu. Karls ungewohnliche Aufmerksamkeit fur dich beunruhigt mich.

Adelheid. Und mein Betragen?

Weislingen. Du bist ein Weib. Ihr ha?t keinen, der euch hofiert.

Adelheid. Aber ihr?

Weislingen. Er fri?t mir am Herzen, der furchterliche Gedanke! Adelheid!

Adelheid. Kann ich deine Torheit kurieren?

Weislingen. Wenn du wolltest! Du konntest dich vom Hof entfernen.

Adelheid. Sage Mittel und Art. Bist du nicht bei Hofe? Soll ich dich lassen und meine Freunde, um auf meinem Schlo? mich mit den Uhus zu unterhalten? Nein, Weislingen, daraus wird nichts. Beruhige dich, du wei?t, wie ich dich liebe.

Weislingen. Der heilige Anker in diesem Sturm, solang der Strick nicht rei?t. (Ab.)

Adelheid. Fangst du's so an! Das fehlte noch. Die Unternehmungen meines Busens sind zu gro?, als da? du ihnen im Wege stehen solltest. Karl! Gro?er trefflicher Mann, und Kaiser dereinst! und sollte er der einzige sein unter den Mannern, dem der Besitz meiner Gunst nicht schmeichelte? Weislingen, denke nicht mich zu hindern, sonst mu?t du in den Boden, mein Weg geht uber dich hin.

(Franz kommt mit einem Brief.)

Franz. Hier, gnadige Frau.

Adelheid. Gab dir Karl ihn selbst?

Franz. Ja.

Adelheid. Was hast du? Du siehst so kummervoll.

Franz. Es ist Euer Wille, da? ich mich totschmachten soll; in den Jahren der Hoffnung macht Ihr mich verzweifeln.

Adelheid. Er dauert mich - und wie wenig kostet's mich, ihn glucklich zu machen! Sei gutes Muts, Junge. Ich fuhle deine Lieb und Treu, und werde nie unerkenntlich sein.

Franz (beklemmt). Wenn Ihr das fahig wart, ich mu?te vergehn. Mein Gott, ich habe keinen Blutstropfen in mir, der nicht Euer ware, keinen Sinn, als Euch zu lieben und zu tun, was Euch gefallt!

Adelheid. Lieber Junge!

Franz. Ihr schmeichelt mir. (In Tranen ausbrechend.) Wenn diese Ergebenheit nichts mehr verdient, als andere sich vorgezogen zu sehn, als Eure Gedanken alle nach dem Karl gerichtet zu sehn -

Adelheid. Du wei?t nicht, was du willst, noch weniger, was du redst.

Franz (vor Verdru? und Zorn mit dem Fu? stampfend). Ich will auch nicht mehr. Will nicht mehr den Unterhandler abgeben.

Adelheid. Franz! Du vergi?t dich.

Franz. Mich aufzuopfern! Meinen lieben Herrn!

Adelheid. Geh mir aus dem Gesicht.

Franz. Gnadige Frau!

Adelheid. Geh, entdecke deinem lieben Herrn mein Geheimnis. Ich war die Narrin, dich fur was zu halten, das du nicht bist.

Franz. Liebe gnadige Frau, Ihr wi?t, da? ich Euch liebe.

Adelheid. Und du warst mein Freund, meinem Herzen so nahe. Geh, verrat mich.

Franz. Eher wollt ich mir das Herz aus dem Leibe rei?en! Verzeiht mir, gnadige Frau. Mein Herz ist zu voll, meine Sinnen halten's nicht aus.

Adelheid. Lieber warmer Junge! (Fa?t ihn bei den Handen, zieht ihn zu sich, und ihre Kusse begegnen einander; er fallt ihr weinend um den Hals.)

Adelheid. La? mich!

Franz (erstickend in Tranen an ihrem Hals). Gott! Gott!

Adelheid. La? mich, die Mauern sind Verrater. La? mich. (Macht sich los.) Wanke nicht von deiner Lieb und Treu, und der schonste Lohn soll dir werden. (Ab.)

Franz. Der schonste Lohn! Nur bis dahin la? mich leben! Ich wollte meinen Vater ermorden, der mir diesen Platz streitig machte.


Jagsthausen
Gotz an einem Tisch. Elisabeth bei ihm mit der Arbeit; es steht ein Licht auf dem Tisch und Schreibzeug.

Gotz. Der Mu?iggang will mir gar nicht schmecken, und meine Beschrankung wird mir von Tag zu Tag enger; ich wollt, ich konnt schlafen, oder mir nur einbilden, die Ruhe sei was Angenehmes.

Elisabeth. So schreib doch deine Geschichte aus, die du angefangen hast. Gib deinen Freunden ein Zeugnis in die Hand, deine Feinde zu beschamen; verschaff einer edlen Nachkommenschaft die Freude, dich nicht zu verkennen.

Gotz. Ach! Schreiben ist geschaftiger Mu?iggang, es kommt mir sauer an. Indem ich schreibe, was ich getan, arger ich mich uber den Verlust der Zeit, in der ich etwas tun konnte.

Elisabeth (nimmt die Schrift). Sei nicht wunderlich. Du bist eben an deiner ersten Gefangenschaft in Heilbronn.

Gotz. Das war mir von jeher ein fataler Ort.

Elisabeth (liest). >Da waren selbst einige von den Bundischen, die zu mir sagten: ich habe torig getan, mich meinen argsten Feinden zu stellen, da ich doch vermuten konnte, sie wurden nicht glimpflich mit mir umgehn; da antwortet ich:< Nun, was antwortetest du? Schreibe weiter.

Gotz. Ich sagte: >Setz ich so oft meine Haut an anderer Gut und Geld, sollt ich sie nicht an mein Wort setzen?<

Elisabeth. Diesen Ruf hast, du.

Gotz. Den sollen sie mir nicht nehmen! Sie haben mir alles genommen, Gut, Freiheit -

Elisabeth. Es fallt in die Zeiten, wie ich die von Miltenberg und Singlingen in der Wirtsstube fand, die mich nicht kannten. Da hatt' ich eine Freude, als wenn ich einen Sohn geboren hatte. Sie ruhmten dich untereinander und sagten: >Er ist das Muster eines Ritters, tapfer und edel in seiner Freiheit< und gelassen und treu im Ungluck.<

Gotz. Sie sollen mir einen stellen, dem ich mein Wort gebrochen! Und Gott wei?, da? ich mehr geschwitzt hab, meinem Nachsten zu dienen, als mir, da? ich um den Namen eines tapfern und treuen Ritters gearbeitet habe, nicht um hohe Reichtumer und Rang zu gewinnen. Und Gott sei Dank, worum ich warb, ist mir worden.

(Lerse. Georg mit Wildbret.)

Gotz. Gluck zu, brave Jager!

Georg. Das sind wir aus braven Reitern geworden. Aus Stiefeln machen sich leicht Pantoffeln.

Lerse. Die Jagd ist doch immer was, und eine Art von Krieg.

Georg. Wenn man nur hierzulande nicht immer mit Reichsknechten zu tun hatte. Wi?t Ihr, gnadiger Herr, wie Ihr uns prophezeitet: wenn sich die Welt umkehrte, wurden wir Jager werden. Da sind wir's ohne das.

Gotz. Es kommt auf eins hinaus, wir sind aus unserm Kreise geruckt.

Georg. Es sind bedenkliche Zeiten. Schon seit acht Tagen la?t sich ein furchterlicher Komet sehen, und ganz Deutschland ist in Angst, es bedeute den Tod des Kaisers, der sehr krank ist.

Gotz. Sehr krank! Unsere Bahn geht zu Ende.

Lerse. Und hier in der Nahe gibt's noch schrecklichere Veranderungen. Die Bauern haben einen entsetzlichen Aufstand erregt.

Gotz. Wo?

Lerse. Im Herzen von Schwaben. Sie sengen, brennen und morden. Ich furchte, sie verheeren das ganze Land.

Georg. Einen furchterlichen Krieg gibt's. Es sind schon an die hundert Ortschaften aufgestanden, und taglich mehr. Der Sturmwind neulich hat ganze Walder ausgerissen, und kurz darauf hat man in der Gegend, wo der Aufstand begonnen, zwei feurige Schwerter kreuzweis in der Luft gesehn.

Gotz. Da leiden von meinen guten Herrn und Freunden gewi? unschuldig mit!

Georg. Schade, da? wir nicht reiten durfen!

Funfter Akt
Bauernkrieg. Tumult in einem Dorf und Plunderung
Weiber und Alte mit Kindern und Gepacke. Flucht.

Alter. Fort! Fort! da? wir den Mordhunden entgehen.

Weib. Heiliger Gott, wie blutrot der Himmel ist, die untergehende Sonne blutrot!

Mutter. Das bedeut Feuer.

Weib. Mein Mann! Mein Mann!

Alter. Fort! Fort! In Wald!

(Ziehen vorbei. - Link.)

Link. Was sich widersetzt, niedergestochen! Das Dorf ist unser. Da? von Fruchten nichts umkommt, nichts zuruckbleibt. Plundert rein aus und schnell! Wir zunden gleich an.

(Metzler vom Hugel heruntergelaufen.)

Metzler. Wie geht's Euch, Link?

Link. Drunter und druber, siehst du, du kommst zum Kehraus. Woher?

Metzler. Von Weinsberg. Da war ein Fest.

Link. Wie?

Metzler. Wir haben sie zusammengestochen, da? eine Lust war.

Link. Wen alles?

Metzler. Dietrich von Weiler tanzte vor. Der Fratz! Wir waren mit hellem wutigem Hauf herum, und er oben auf'm Kirchturn wollt gutlich mit uns handeln. Paff! Scho? ihn einer vorn Kopf. Wir hinauf wie Wetter, und zum Fenster herunter mit dem Kerl.

Link. Ah!

Metzler (zu den Bauern). Ihr Hund', soll ich euch Bein' machen! Wie sie zaudern und trenteln, die Esel.

Link. Brennt an! sie mogen drin braten! Fort! Fahrt zu, ihr Schlingel!

Metzler. Darnach fuhrten wir heraus den Helfenstein, den Eltershofen, an die dreizehn von Adel, zusammen auf achtzig. Herausgefuhrt auf die Ebne gegen Heilbronn. Das war ein Jubilieren und ein Tumultuieren von den Unsrigen, wie die lange Reih arme reiche Sunder daherzog, einander anstarrten, und Erd und Himmel! Umringt waren sie, ehe sie sich's versahen, und alle mit Spie?en niedergestochen.

Link. Da? ich nicht dabei war!

Metzler. Hab mein Tag so kein Gaudium gehabt.

Link. Fahrt zu! Heraus!

Bauer. Alles ist leer.

Link. So brennt an allen Ecken.

Metzler. Wird ein hubsch Feuerchen geben. Siehst du, wie die Kerls ubereinanderpurzelten und quiekten wie die Frosche! Es lief mir so warm ubers Herz wie ein Glas Branntwein! Da war ein Rixinger, wenn der Kerl sonst auf die Jagd ritt, mit dem Federbusch und weiten Naslochern, und uns vor sich hertrieb mit den Hunden und wie die Hunde. Ich hatt' ihn die Zeit nicht gesehen, sein Fratzengesicht fiel mir recht auf. Hasch! den Spie? ihm zwischen die Rippen, da lag er, streckt' alle vier uber seine Gesellen. Wie die Hasen beim Treibjagen zuckten die Kerls ubereinander.

Link. Raucht schon brav.

Metzler. Dort hinten brennt's. La? uns mit der Beute gelassen zu dem gro?en Haufen ziehen.

Link. Wo halt er?

Metzler. Von Heilbronn hieher zu. Sie sind um einen Hauptmann verlegen, vor dem alles Volk Respekt hatt'. Denn wir sind doch nur ihresgleichen, das fuhlen sie und werden schwurig.

Link. Wen meinen sie?

Metzler. Max Stumpf oder Gotz von Berlichingen.

Link. Das war gut, gab auch der Sache einen Schein, wenn's der Gotz tat; er hat immer fur einen rechtschaffnen Ritter gegolten. Auf! Auf! wir ziehen nach Heilbronn zu! Ruft's herum.

Metzler. Das Feuer leucht uns noch eine gute Strecke. Hast du den gro?en Kometen gesehen?

Link. Ja. Das ist ein grausam erschrecklich Zeichen! Wenn wir die Nacht durch ziehen, konnen wir ihn recht sehen. Er geht gegen eins auf.

Metzler. Und bleibt nur funf Viertelstunden. Wie ein gebogner Arm mit einem Schwert sieht er aus, so blutgelbrot.

Link. Hast du die drei Stern gesehen an des Schwerts Spitze und Seite?

Metzler. Und der breite wolkenfarbige Streif, mit tausend und tausend Striemen wie Spie?', und dazwischen wie kleine Schwerter.

Link. Mir hat's gegraust. Wie das alles so bleichrot, und darunter viel feurige helle Flamme, und dazwischen die grausamen Gesichter mit rauchen Hauptern und Barten!

Metzler. Hast du die auch gesehen? Und das zwitzert alles so durcheinander, als lag's in einem blutigen Meere, und arbeitet durcheinander, da? einem die Sinne vergehn!

Link. Auf! Auf! (Ab.)


Feld
Man sieht in der Ferne zwei Dorfer brennen und ein Kloster.

Kohl. Wild. Max Stumpf. Haufen.

Max Stumpf. Ihr konnt nicht verlangen, da? ich euer Hauptmann sein soll. Fur mich und euch war's nichts nutze. Ich bin Pfalzgrafischer Diener; wie sollt ich gegen meinen Herrn fuhren? Ihr wurdet immer wahnen, ich rat nicht von Herzen.

Kohl. Wu?ten wohl, du wurdest Entschuldigung finden.

(Gotz, Lerse, Georg kommen.)

Gotz. Was wollt ihr mit mir?

Kohl. Ihr sollt unser Hauptmann sein.

Gotz. Soll ich mein ritterlich Wort dem Kaiser brechen und aus meinem Bann gehen?

Wild. Das ist keine Entschuldigung.

Gotz. Und wenn ich ganz frei ware, und ihr wollt handeln wie bei Weinsberg an den Edeln und Herrn, und so forthausen, wie rings herum das Land brennt und blutet, und ich sollt euch behulflich sein zu euerm schandlichen rasenden Wesen - eher sollt ihr mich totschlagen wie einen wutigen Hund, als da? ich euer Haupt wurde!

Kohl. Ware das nicht geschehen, es geschahe vielleicht nimmermehr.

Stumpf. Das war eben das Ungluck, da? sie keinen Fuhrer hatten, den sie geehrt, und der ihrer Wut Einhalt tun konnen. Nimm die Hauptmannschaft an, ich bitte dich, Gotz. Die Fursten werden dir Dank wissen, ganz Deutschland. Es wird zum Besten und Frommen aller sein. Menschen und Lander werden geschont werden.

Gotz. Warum ubernimmst du's nicht?

Stumpf. Ich hab mich von ihnen losgesagt.

Kohl. Wir haben nicht Sattelhenkens Zeit, und langer unnotiger Diskurse. Kurz und gut. Gotz, sei unser Hauptmann, oder sieh zu deinem Schlo? und deiner Haut. Und hiermit zwei Stunden Bedenkzeit. Bewacht ihn.

Gotz. Was braucht's das! Ich bin so gut entschlossen - jetzt als darnach. Warum seid ihr ausgezogen? Eure Rechte und Freiheiten wiederzuerlangen? Was wutet ihr und verderbt das Land! Wollt ihr abstehen von allen Ubeltaten und handeln als wackre Leute, die wissen, was sie wollen, so will ich euch behulflich sein zu euern Forderungen und auf acht Tag euer Hauptmann sein.

Wild. Was geschehen ist, ist in der ersten Hitz geschehen, und braucht's deiner nicht, uns kunftig zu hindern.

Kohl. Auf ein Vierteljahr wenigstens mu?t du uns zusagen.

Stumpf. Macht vier Wochen, damit konnt ihr beide zufrieden sein.

Gotz. Meinetwegen.

Kohl. Eure Hand!

Gotz. Und gelobt mir, den Vertrag, den ihr mit mir gemacht, schriftlich an alle Haufen zu senden, ihm bei Strafe streng nachzukommen.

Wild. Nun ja! Soll geschehen.

Gotz. So verbind ich mich euch auf vier Wochen.

Stumpf. Gluck zu! Was du tust, schon unsern gnadigen Herrn den Pfalzgrafen.

Kohl (leise). Bewacht ihn. Da? niemand mit ihm rede au?er eurer Gegenwart.

Gotz. Lerse! Kehr zu meiner Frau. Steh ihr bei. Sie soll bald Nachricht von mir haben.

(Gotz, Stumpf, Georg, Lerse, einige Bauern ab. - Metzler, Link kommen.)

Metzler. Was horen wir von einem Vertrag? Was soll der Vertrag?

Link. Es ist schandlich, so einen Vertrag einzugehen.

Kohl. Wir wissen so gut, was wir wollen, als ihr, und haben zu tun und zu lassen.

Wild. Das Rasen und Brennen und Morden mu?te doch einmal aufhoren, heut oder morgen! so haben wir noch einen braven Hauptmann dazu gewonnen.

Metzler. Was aufhoren! Du Verrater! Warum sind wir da? Uns an unsern Feinden zu rachen, uns emporzuhelfen! - Das hat euch ein Furstenknecht geraten.

Kohl. Komm, Wild, er ist wie ein Vieh. (Ab.)

Metzler. Geht nur! Wird euch kein Haufen zustehn. Die Schurken! Link, wir wollen die andern aufhetzen, Miltenberg dort druben anzunden, und wenn's Handel setzt wegen des Vertrags, schlagen wir den Vertragern zusammen die Kopf ab.

Link. Wir haben doch den gro?en Haufen auf unsrer Seite.


Berg und Tal. Eine Muhle in der Tiefe
Ein Trupp Reiter. Weislingen kommt aus der Muhle mit Franzen und einem Boten.

Weislingen. Mein Pferd! - Ihr habt's den andern Herrn auch angesagt?

Bote. Wenigstens sieben Fahnlein werden mit Euch eintreffen, im Wald hinter Miltenberg. Die Bauern ziehen unten herum. Uberall sind Boten ausgeschickt, der ganze Bund wird in kurzem zusammen sein. Fehlen kann's nicht; man sagt, es sei Zwist unter ihnen.

Weislingen. Desto besser! - Franz!

Franz. Gnadiger Herr?

Weislingen. Richt es punktlich aus. Ich bind es dir auf deine Seele. Gib ihr den Brief. Sie soll vom Hof auf mein Schlo?! Sogleich! Du sollst sie abreisen sehn, und mir's dann melden.

Franz. Soll geschehen, wie Ihr befehlt.

Weislingen. Sag ihr, sie soll wollen. (Zum Boten.) Fuhrt uns nun den nachsten und besten Weg.

Bote. Wir mussen umziehen. Die Wasser sind von den entsetzlichen Regen alle ausgetreten.


Jagsthausen
Elisabeth. Lerse.

Lerse. Trostet Euch, gnadige Frau!

Elisabeth. Ach, Lerse, die Tranen stunden ihm in den Augen, wie er Abschied von mir nahm. Es ist grausam, grausam!

Lerse. Er wird zuruckkehren.

Elisabeth. Es ist nicht das. Wenn er auszog, ruhmlichen Sieg zu erwerben, da war mir's nicht weh ums Herz. Ich freute mich auf seine Ruckkunft, vor der mir jetzt bang ist.

Lerse. Ein so edler Mann -

Elisabeth. Nenn ihn nicht so, das macht neu Elend. Die Bosewichter! Sie drohten, ihn zu ermorden, und sein Schlo? anzuzunden. - Wenn er wiederkommen wird - ich seh ihn finster, finster. Seine Feinde werden lugenhafte Klagartikel schmieden, und er wird nicht sagen konnen: Nein!

Lerse. Er wird und kann.

Elisabeth. Er hat seinen Bann gebrochen. Sag Nein!

Lerse. Nein! Er ward gezwungen; wo ist der Grund, ihn zu verdammen?

Elisabeth. Die Bosheit sucht keine Grunde, nur Ursachen. Er hat sich zu Rebellen, Missetatern, Mordern gesellt, ist an ihrer Spitze gezogen. Sage Nein!

Lerse. La?t ab, Euch zu qualen und mich. Haben sie ihm nicht feierlich zugesagt, keine Tathandlungen mehr zu unternehmen, wie die bei Weinsberg? Hort ich sie nicht selbst halbreuig sagen: Wenn's nicht geschehen war, geschah's vielleicht nie? Mu?ten nicht Fursten und Herrn ihm Dank wissen, wenn er freiwillig Fuhrer eines unbandigen Volks geworden ware, um ihrer Raserei Einhalt zu tun und so viel Menschen und Besitztumer zu schonen?

Elisabeth. Du bist ein liebevoller Advokat. - Wenn sie ihn gefangennahmen, als Rebell behandelten, und sein graues Haupt - Lerse, ich mochte von Sinnen kommen.

Lerse. Sende ihrem Korper Schlaf, lieber Vater der Menschen, wenn du ihrer Seele keinen Trost geben willst!

Elisabeth. Georg hat versprochen, Nachricht zu bringen. Er wird auch nicht durfen, wie er will. Sie sind arger als gefangen. Ich wei?, man bewacht sie wie Feinde. Der gute Georg! Er wollte nicht von seinem Herrn weichen.

Lerse. Das Herz blutete mir, wie er mich von sich schickte. Wenn Ihr nicht meiner Hulfe bedurftet, alle Gefahren des schmahlichsten Todes sollten mich nicht von ihm getrennt haben.

Elisabeth. Ich wei? nicht, wo Sickingen ist. Wenn ich nur Marien einen Boten schicken konnte.

Lerse. Schreibt nur, ich will dafur sorgen. (Ab.)


Bei einem Dorf
Gotz. Georg.

Gotz. Geschwind zu Pferde, Georg! ich sehe Miltenberg brennen. Halten sie so den Vertrag? Reit hin, sag ihnen die Meinung. Die Mordbrenner! Ich sage mich von ihnen los. Sie sollen einen Zigeuner zum Hauptmann machen, nicht mich. Geschwind, Georg. (Georg ab.) Wollt, ich ware tausend Meilen davon, und lag im tiefsten Turn, der in der Turkei steht. Konnt ich mit Ehren von ihnen kommen! Ich fahr ihnen alle Tag durch den Sinn, sag ihnen die bittersten Wahrheiten, da? sie mein mude werden und mich erlassen sollen.

(Ein Unbekannter.)

Unbekannter. Gott gru? Euch, sehr edler Herr.

Gotz. Gott dank Euch. Was bringt Ihr? Euern Namen?

Unbekannter. Der tut nichts zur Sache. Ich komme, Euch zu sagen, da? Euer Kopf in Gefahr ist. Die Anfuhrer sind mude, sich von Euch so harte Worte geben zu lassen, haben beschlossen, Euch aus dem Weg zu raumen. Ma?igt Euch oder seht zu entwischen, und Gott geleit Euch. (Ab.)

Gotz. Auf diese Art dein Leben zu lassen, Gotz, und so zu enden! Es sei drum! So ist mein Tod der Welt das sicherste Zeichen, da? ich nichts Gemeines mit den Hunden gehabt habe.

(Einige Bauern.)

Erster Bauer. Herr, Herr! Sie sind geschlagen, sie sind gefangen.

Gotz. Wer?

Zweiter Bauer. Die Miltenberg verbrannt haben. Es zog sich ein Bundischer Trupp hinter dem Berg hervor und uberfiel sie auf einmal.

Gotz. Sie erwartet ihr Lohn. - O Georg! Georg! - Sie haben ihn mit den Bosewichtern gefangen - Mein Georg! Mein Georg! -

(Anfuhrer kommen.)

Link. Auf, Herr Hauptmann, auf! Es ist nicht Saumens Zeit. Der Feind ist in der Nahe und machtig.

Gotz. Wer verbrannte Miltenberg?

Metzler. Wenn Ihr Umstande machen wollt, so wird man Euch weisen, wie man keine macht.

Kohl. Sorgt fur unsere Haut und Eure. Auf! Auf!

Gotz (zu Metzler). Drohst du mir! Du Nichtswurdiger! Glaubst du, da? du mir furchterlicher bist, weil des Grafen von Helfenstein Blut an deinen Kleidern klebt?

Metzler. Berlichingen!

Gotz. Du darfst meinen Namen nennen, und meine Kinder werden sich dessen nicht schamen.

Metzler. Mit dir feigem Kerl! Furstendiener!

Gotz (haut ihn uber den Kopf, da? er sturzt. Die andern treten dazwischen).

Kohl. Ihr seid rasend. Der Feind bricht auf allen Seiten 'rein, und ihr hadert!

Link. Auf! Auf!

(Tumult und Schlacht. - Weislingen. Reiter.)

Weislingen. Nach! Nach! Sie fliehen. La?t euch Regen und Nacht nicht abhalten. Gotz ist unter ihnen, hor ich. Wendet Flei? an, da? ihr ihn erwischt. Er ist schwer verwundet, sagen die Unsrigen. (Die Reiter ab.) Und wenn ich dich habe! - Es ist noch Gnade, wenn wir heimlich im Gefangnis dein Todesurteil vollstrecken. - So verlischt er vor dem Andenken der Menschen, und du kannst freier atmen, torichtes Herz. (Ab.)


Nacht, im wilden Wald. Zigeunerlager
Zigeunermutter am Feuer.

Mutter. Flick das Strohdach uber der Grube, Tochter, gibt hint nacht noch Regen genug.

(Knab kommt.)

Knab. Ein Hamster, Mutter. Da! Zwei Feldmaus.

Mutter. Will sie dir abziehen und braten, und sollst eine Kapp haben von den Fellchen. - Du blutst?

Knab. Hamster hat mich bissen.

Mutter. Hol mir durr Holz, da? das Feuer loh brennt wenn dein Vater kommt, wird na? sein durch und durch.

(Andre Zigeunerin, ein Kind auf dem Rucken.)

Erste Zigeunerin. Hast du brav geheischen?

Zweite Zigeunerin. Wenig genug. Das Land ist voll Tumult herum, da? man seins Lebens nicht sicher ist. Brennen zwei Dorfer lichterloh.

Erste Zigeunerin. Ist das dort drunten Brand, der Schein? Seh ihm schon lang zu. Man ist die Feuerzeichen am Himmel zeither so gewohnt worden.

(Zigeunerhauptmann, drei Gesellen kommen.)

Hauptmann. Hort ihr den wilden Jager?

Erster Zigeuner. Er zieht grad uber uns hin.

Hauptmann. Wie die Hunde bellen! Wau! Wau!

Zweiter Zigeuner. Die Peitschen knallen.

Dritter Zigeuner. Die Jager jauchzen holla ho!

Mutter. Bringt ja des Teufels sein Gepack!

Hauptmann. Haben im Truben gefischt. Die Bauern rauben selbst, ist's uns wohl vergonnt.

Zweite Zigeunerin. Was hast du, Wolf?

Wolf. Einen Hasen, da, und einen Hahn; ein Bratspie?; ein Bundel Leinwand; drei Kochloffel und ein Pferdzaum.

Sticks. Ein wullen Deck hab ich, ein Paar Stiefeln, und Zunder und Schwefel.

Mutter. Ist alles pudelna?, wollen's trocknen, gebt her.

Hauptmann. Horch, ein Pferd! Geht! Seht, was ist. (Gotz zu Pferd.)

Gotz. Gott sei Dank! Dort seh ich Feuer, sind Zigeuner. Meine Wunden verbluten, die Feinde hinterher. Heiliger Gott, du endigst gra?lich mit mir!

Hauptmann. Ist's Friede da? du kommst?

Gotz. Ich flehe Hulfe von euch. Meine Wunden ermatten mich. Helft mir vom Pferd!

Hauptmann. Helf ihm! Ein edler Mann, an Gestalt und Wort.

Wolf (leise). Es ist Gotz von Berlichingen.

Hauptmann. Seid willkommen! Alles ist Euer, was wir haben.

Gotz. Dank Euch.

Hauptmann. Kommt in mein Zelt.

Hauptmanns Zelt
Hauptmann. Gotz.

Hauptmann. Ruft der Mutter, sie soll Blutwurzel bringen und Pflaster.

Gotz (legt den Harnisch ab).

Hauptmann. Hier ist mein Feiertagswams.

Gotz. Gott lohn's.

(Mutter verbindt ihn.)

Hauptmann. Ist mir herzlich lieb, Euch zu haben.

Gotz. Kennt Ihr mich?

Hauptmann. Wer sollte Euch nicht kennen! Gotz, unser Leben und Blut lassen wir fur Euch.

(Schricks.)

Schricks. Kommen durch den Wald Reiter. Sind Bundische.

Hauptmann. Eure Verfolger! Sie sollen nit bis zu Euch kommen! Auf, Schricks! Biete den andern! Wir kennen die Schliche besser als sie, wir schie?en sie nieder, eh sie uns gewahr werden.

Gotz (allein). O Kaiser! Kaiser! Rauber beschutzen deine Kinder. (Man hort scharf schie?en.) Die wilden Kerls, starr und treu!

(Zigeunerin.)

Zigeunerin. Rettet Euch! Die Feinde uberwaltigen.

Gotz. Wo ist mein Pferd?

Zigeunerin. Hierbei.

Gotz (gurtet sich und sitzt auf ohne Harnisch). Zum letztenmal sollen sie meinen Arm fuhlen. Ich bin so schwach noch nicht. (Ab.)

Zigeunerin. Er sprengt zu den Unsrigen.

(Flucht.)

Wolf. Fort, fort! Alles verloren. Unser Hauptmann erschossen. Gotz gefangen.

(Geheul der Weiber und Flucht.)


Adelheidens Schlafzimmer
Adelheid mit einem Brief.

Adelheid. Er, oder ich! Der Ubermutige! Mir drohen! - Wir wollen dir zuvorkommen. Was schleicht durch den Saal? (Es klopft.) Wer ist drau?en?

(Franz leise.)

Franz. Macht mir auf, gnadige Frau.

Adelheid. Franz! Er verdient wohl, da? ich ihm aufmache. (La?t ihn ein.)

Franz (fallt ihr um den Hals). Liebe gnadige Frau.

Adelheid. Unverschamter! Wenn dich jemand gehort hatte.

Franz. O es schlaft alles, alles!

Adelheid. Was willst du?

Franz. Mich la?t's nicht ruhen. Die Drohungen meines Herrn, Euer Schicksal, mein Herz.

Adelheid. Er war sehr zornig, als du Abschied nahmst?

Franz. Als ich ihn nie gesehen. Auf ihre Guter soll sie, sagt' er, sie soll wollen.

Adelheid. Und wir folgen?

Franz. Ich wei? nichts, gnadige Frau.

Adelheid. Betrogener torichter Junge, du siehst nicht, wo das hinaus will. Hier wei? er mich in Sicherheit. Denn lange steht's ihm schon nach meiner Freiheit. Er will mich auf seine Guter. Dort hat er Gewalt, mich zu behandeln, wie sein Ha? ihm eingibt.

Franz. Er soll nicht!

Adelheid. Wirst du ihn hindern?

Franz. Er soll nicht!

Adelheid. Ich seh mein ganzes Elend voraus. Von seinem Schlo? wird er mich mit Gewalt rei?en, wird mich in ein Kloster sperren.

Franz. Holle und Tod!

Adelheid. Wirst du mich retten?

Franz. Eh alles! alles!

Adelheid (die weinend ihn umhalst). Franz, ach uns zu retten!

Franz. Er soll nieder, ich will ihm den Fu? auf den Nacken setzen.

Adelheid. Keine Wut! Du sollst einen Brief an ihn haben, voll Demut, da? ich gehorche. Und dieses Flaschchen gie? ihm unter das Getrank.

Franz. Gebt. Ihr sollt frei sein!

Adelheid. Frei! Wenn du nicht mehr zitternd auf deinen Zehen zu mir schleichen wirst - nicht mehr ich angstlich zu dir sage: >Brich auf, Franz, der Morgen kommt.<


Heilbronn, vorm Turn
Elisabeth. Lerse.

Lerse. Gott nehm das Elend von Euch, gnadige Frau. Marie ist hier.

Elisabeth. Gott sei Dank! Lerse, wir sind in entsetzliches Elend versunken. Da ist's nun, wie mir alles ahnete! Gefangen, als Meuter, Missetater in den tiefsten Turn geworfen

Lerse. Ich wei? alles.

Elisabeth. Nichts, nichts wei?t du, der Jammer ist zu gro?! Sein Alter, seine Wunden, ein schleichend Fieber und, mehr als alles das, die Finsternis seiner Seele, da? es so mit ihm enden soll.

Lerse. Auch, und da? der Weislingen Kommissar ist.

Elisabeth. Weislingen?

Lerse. Man hat mit unerhorten Exekutionen verfahren. Metzler ist lebendig verbrannt, zu Hunderten geradert, gespie?t, gekopft, geviertelt. Das Land umher gleicht einer Metzge, wo Menschenfleisch wohlfeil ist.

Elisabeth. Weislingen Kommissar! O Gott! Ein Strahl von Hoffnung. Marie soll mir zu ihm, er kann ihr nichts abschlagen. Er hatte immer ein weiches Herz, und wenn er sie sehen wird, die er so liebte, die so elend durch ihn ist - Wo ist sie?

Lerse. Noch im Wirtshaus.

Elisabeth. Fuhre mich zu ihr. Sie mu? gleich fort. Ich furchte alles.


Weislingens Schlo?
Weislingen.

Weislingen. Ich bin so krank, so schwach. Alle meine Gebeine sind hohl. Ein elendes Fieber hat das Mark ausgefressen. Keine Ruh und Rast, weder Tag noch Nacht. Im halben Schlummer giftige Traume. Die vorige Nacht begegnete ich Gotzen im Wald. Er zog sein Schwert und forderte mich heraus. Ich fa?te nach meinem, die Hand versagte mir. Da stie? er's in die Scheide, sah mich verachtlich an und ging hinter mich. - Er ist gefangen, und ich zittre vor ihm. Elender Mensch! Dein Wort hat ihn zum Tode verurteilt, und du bebst vor seiner Traumgestalt wie ein Missetater! - Und soll er sterben? - Gotz! Gotz! - Wir Menschen fuhren uns nicht selbst; bosen Geistern ist Macht uber uns gelassen, da? sie ihren hollischen Mutwillen an unserm Verderben uben. (Setzt sich.) - Matt! Matt! Wie sind meine Nagel so blau! - Ein kalter, kalter, verzehrender Schwei? lahmt mir jedes Glied. Es dreht mir alles vorm Gesicht. Konnt ich schlafen. Ach -

(Maria tritt auf.)

Weislingen. Jesus Marie! - La? mir Ruh! La? mir Ruh! - Die Gestalt fehlte noch! Sie stirbt, Marie stirbt, und zeigt sich mir an. - Verla? mich, seliger Geist, ich bin elend genug.

Maria. Weislingen, ich bin kein Geist. Ich bin Marie.

Weislingen. Das ist ihre Stimme.

Maria. Ich komme, meines Bruders Leben von dir zu erflehen. Er ist unschuldig, so strafbar er scheint.

Weisling. Still, Marie! Du Engel des Himmels bringst die Qualen der Holle mit dir. Rede nicht fort.

Maria. Und mein Bruder soll sterben? Weislingen, es ist entsetzlich, da? ich dir zu sagen brauche: er ist unschuldig; da? ich jammern mu?, dich von dem abscheulichsten Morde zuruckzuhalten. Deine Seele ist bis in ihre innersten Tiefen von feindseligen Machten besessen. Das ist Adelbert!

Weislingen. Du siehst, der verzehrende Atem des Todes hat mich angehaucht, meine Kraft sinkt nach dem Grabe. Ich sturbe als ein Elender, und du kommst, mich in Verzweiflung zu sturzen. Wenn ich reden konnte, dein hochster Ha? wurde in Mitleid und Jammer zerschmelzen. O Marie! Marie!

Maria. Weislingen, mein Bruder verkranket im Gefangnis. Seine schweren Wunden, sein Alter. Und wenn du fahig warst, sein graues Haupt - Weislingen, wir wurden verzweifeln.

Weislingen. Genug. (Zieht die Schelle.)

(Franz in au?erster Bewegung.)

Franz. Gnadiger Herr.

Weislingen. Die Papiere dort, Franz!

Franz (bringt sie).

Weislingen (rei?t ein Paket auf und zeigt Marien ein Papier). Hier ist deines Bruders Todesurteil unterschrieben.

Maria. Gott im Himmel!

Weislingen. Und so zerrei? ich's! Er lebt. Aber kann ich wieder schaffen, was ich zerstort habe? Weine nicht so, Franz! Guter Junge, dir geht mein Elend tief zu Herzen.

Franz (wirft sich vor ihm nieder und fa?t seine Knie).

Maria (vor sich). Er ist sehr krank. Sein Anblick zerrei?t mir das Herz. Wie liebt ich ihn! und nun ich ihm nahe, fuhl ich, wie lebhaft.

Weislingen. Franz, steh auf und la? das Weinen! Ich kann wieder aufkommen. Hoffnung ist bei den Lebenden.

Franz. Ihr werdet nicht. Ihr mu?t sterben.

Weislingen. Ich mu??

Franz (au?er sich). Gift! Gift! Von Euerm Weibe! - Ich! Ich! (Rennt davon.)

Weislingen. Marie, geh ihm nach. Er verzweifelt. (Maria ab.) Gift von meinem Weibe! Weh! Weh! Ich fuhl's. Marter und Tod!

Maria (inwendig). Hulfe! Hulfe!

Weislingen (will aufstehn). Gott, vermag ich das nicht!

Maria (kommt). Er ist hin. Zum Saalfenster hinaus sturzt' er wutend in den Main hinunter.

Weislingen. Ihm ist wohl. - Dein Bruder ist au?er Gefahr. Die ubrigen Kommissarien, Seckendorf besonders, sind seine Freunde. Ritterlich Gefangnis werden sie ihm auf sein Wort gleich gewahren. Leb wohl, Maria, und geh.

Maria. Ich will bei dir bleiben, armer Verla?ner.

Weislingen. Wohl verlassen und arm! Du bist ein furchtbarer Racher, Gott! - Mein Weib -

Maria. Entschlage dich dieser Gedanken. Kehre dein Herz zu dem Barmherzigen.

Weislingen. Geh, liebe Seele, uberla? mich meinem Elend. - Entsetzlich! Auch deine Gegenwart, Marie, der letzte Trost, ist Qual.

Maria (vor sich). Starke mich, o Gott! Meine Seele erliegt mit der seinigen.

Weislingen. Weh! Weh! Gift von meinem Weibe! - Mein Franz verfuhrt durch die Abscheuliche! Wie sie wartet, horcht auf den Boten, der ihr die Nachricht bringe: er ist tot. Und du, Marie! Marie, warum bist du gekommen, da? du jede schlafende Erinnerung meiner Sunden wecktest! Verla? mich! Verla? mich, da? ich sterbe.

Maria. La? mich bleiben. Du bist allein. Denk, ich sei deine Warterin. Vergi? alles. Vergesse dir Gott so alles, wie ich dir alles vergesse.

Weislingen. Du Seele voll Liebe, bete fur mich, bete fur mich! Mein Herz ist verschlossen.

Maria. Er wird sich deiner erbarmen. - Du bist matt.

Weislingen. Ich sterbe, sterbe und kann nicht ersterben. Und in dem furchterlichen Streit des Lebens und Todes sind die Qualen der Holle.

Maria. Erbarmer, erbarme dich seiner! Nur einen Blick deiner Liebe an sein Herz, da? es sich zum Trost offne, und sein Geist Hoffnung, Lebenshoffnung in den Tod hinuberbringe!


In einem finstern engen Gewolbe
Die Richter des heimlichen Gerichts. Alle vermummt.

Altester. Richter des heimlichen Gerichts, schwurt auf Strang und Schwert, unstraflich zu sein, zu richten im Verborgnen, zu strafen im Verborgnen Gott gleich! Sind eure Herzen rein und eure Hande, hebt die Arme empor, ruft uber die Missetater: >Wehe! Wehe!<

Alle. Wehe! Wehe!

Altester. Rufer, beginne das Gericht!

Rufer. Ich, Rufer, rufe die Klag gegen den Missetater. Des Herz rein ist, dessen Hand rein sind zu schworen auf Strang und Schwert, der klage bei Strang und Schwert! klage! klage!

Klager (tritt vor). Mein Herz ist rein von Missetat, meine Hande von unschuldigem Blut. Verzeih mir Gott bose Gedanken und hemme den Weg zum Willen! Ich hebe meine Hand auf und klage! klage! klage!

Altester. Wen klagst du an?

Klager. Klage an auf Strang und Schwert Adelheiden von Weislingen. Sie hat Ehebruchs sich schuldig gemacht, ihren Mann vergiftet durch ihren Knaben. Der Knab hat sich selbst gerichtet, der Mann ist tot.

Altester. Schworst du zu dem Gott der Wahrheit, da? du Wahrheit klagst?

Klager. Ich schwore.

Altester. Wurd es falsch befunden, beutst du deinen Hals der Strafe des Mords und des Ehebruchs?

Klager. Ich biete.

Altester. Eure Stimmen.

(Sie reden heimlich zu ihm.)

Klager. Richter des heimlichen Gerichts, was ist euer Urteil uber Adelheiden von Weislingen, bezuchtigt des Ehebruchs und Mords?

Altester. Sterben soll sie! sterben des bittern doppelten Todes; mit Strang und Dolch bu?en doppelt doppelte Missetat. Streckt eure Hande empor, und rufet Weh uber sie! Weh! Weh! In die Hande des Rachers.

Alle. Weh! Weh! Weh!

Altester. Racher! Racher, tritt auf.

Racher (tritt vor).

Altester. Fa? hier Strang und Schwert, sie zu tilgen von dem Angesicht des Himmels, binnen acht Tage Zeit. Wo du sie findest, nieder mit ihr in Staub! - Richter, die ihr richtet im Verborgenen und strafet im Verborgenen Gott gleich, bewahrt euer Herz vor Missetat und eure Hande vor unschuldigem Blut.


Hof einer Herberge
Maria. Lerse.

Maria. Die Pferde haben genug gerastet. Wir wollen fort, Lerse.

Lerse. Ruht doch bis an Morgen. Die Nacht ist gar zu unfreundlich.

Maria. Lerse, ich habe keine Ruhe, bis ich meinen Bruder gesehen habe. La? uns fort. Das Wetter hellt sich aus, wir haben einen schonen Tag zu gewarten.

Lerse. Wie Ihr befehlt.


Heilbronn, im Turn
Gotz. Elisabeth.

Elisabeth. Ich bitte dich, lieber Mann, rede mit mir. Dein Stillschweigen angstet mich. Du vergluhst in dir selbst. Komm, la? uns nach deinen Wunden sehen; sie bessern sich um vieles. In der mutlosen Finsternis erkenn ich dich nicht mehr.

Gotz. Suchtest du den Gotz? Der ist lang hin. Sie haben mich nach und nach verstummelt, meine Hand, meine Freiheit, Guter und guten Namen. Mein Kopf, was ist an dem? - Was hort Ihr von Georgen? Ist Lerse nach Georgen?

Elisabeth. Ja, Lieber! Richtet Euch auf, es kann sich vieles wenden.

Gotz. Wen Gott niederschlagt, der richtet sich selbst nicht auf. Ich wei? am besten, was auf meinen Schultern liegt. Ungluck bin ich gewohnt zu dulden. Und jetzt ist's nicht Weislingen allein, nicht die Bauern allein, nicht der Tod des Kaisers und meine Wunden - Es ist alles zusammen. Meine Stunde ist kommen. Ich hoffte, sie sollte sein wie mein Leben. Sein Wille geschehe.

Elisabeth. Willt du nicht was essen?

Gotz. Nichts, meine Frau. Sieh, wie die Sonne drau?en scheint.

Elisabeth. Ein schoner Fruhlingstag.

Gotz. Meine Liebe, wenn du den Wachter bereden konntest, mich in sein klein Gartchen zu lassen auf eine halbe Stunde, da? ich der lieben Sonne genosse, des heitern Himmels und der reinen Luft.

Elisabeth. Gleich! und er wird's wohl tun.


Gartchen am Turn
Maria. Lerse.

Maria. Geh hinein und sieh, wie's steht.

(Lerse ab. - Elisabeth. Wachter.)

Elisabeth. Gott vergelt Euch die Lieb und Treu an meinem Herrn. (Wachter ab.) Maria, was bringst du?

Maria. Meines Bruders Sicherheit. Ach, aber mein Herz ist zerrissen. Weislingen ist tot, vergiftet von seinem Weibe. Mein Mann ist in Gefahr. Die Fursten werden ihm zu machtig, man sagt, er sei eingeschlossen und belagert.

Elisabeth. Glaubt dem Geruchte nicht. Und la?t Gotzen nichts merken.

Maria. Wie steht's um ihn?

Elisabeth. Ich furchtete, er wurde deine Ruckkunft nicht erleben. Die Hand des Herrn liegt schwer auf ihm. Und Georg ist tot.

Maria. Georg! der goldne Junge!

Elisabeth. Als die Nichtswurdigen Miltenberg verbrannten, sandte ihn sein Herr, ihnen Einhalt zu tun. Da fiel ein Trupp Bundischer auf sie los. - Georg! hatten sie sich alle gehalten wie er, sie hatten alle das gute Gewissen haben mussen. Viel wurden erstochen, und Georg mit: er starb einen Reiterstod.

Maria. Wei? es Gotz?

Elisabeth. Wir verbergen's vor ihm. Er fragt mich zehnmal des Tags, und schickt mich zehnmal des Tags zu forschen, was Georg macht. Ich furchte seinem Herzen diesen letzten Sto? zu geben.

Maria. O Gott, was sind die Hoffnungen dieser Erden!

(Gotz. Lerse. Wachter.)

Gotz. Allmachtiger Gott! Wie wohl ist's einem unter deinem Himmel! Wie frei! - Die Baume treiben Knospen, und alle Welt hofft. Lebt wohl, meine Lieben; meine Wurzeln sind abgehauen, meine Kraft sinkt nach dem Grabe.

Elisabeth. Darf ich Lersen nach deinem Sohn ins Kloster schicken, da? du ihn noch einmal siehst und segnest?

Gotz. La? ihn, er ist heiliger als ich, er braucht meinen Segen nicht. - An unsrem Hochzeittag, Elisabeth, ahnte mir's nicht, da? ich so sterben wurde. - Mein alter Vater segnete uns, und eine Nachkommenschaft von edeln tapfern Sohnen quoll aus seinem Gebet. - Du hast ihn nicht erhort, und ich bin der Letzte. - Lerse, dein Angesicht freut mich in der Stunde des Todes mehr als im mutigsten Gefecht. Damals fuhrte mein Geist den eurigen; jetzt haltst du mich aufrecht. Ach da? ich Georgen noch einmal sahe, mich an seinem Blick warmte! - Ihr seht zur Erden und weint - Er ist tot - Georg ist tot. - Stirb, Gotz - Du hast dich selbst uberlebt, die Edeln uberlebt. - Wie starb er? - Ach fingen sie ihn unter den Mordbrennern, und er ist hingerichtet?

Elisabeth. Nein, er wurde bei Miltenberg erstochen. Er wehrte sich wie ein Low um seine Freiheit.

Gotz. Gott sei Dank! - Er war der beste Junge unter der Sonne und tapfer. - Lose meine Seele nun! - Arme Frau! Ich lasse dich in einer verderbten Welt. Lerse, verla? sie nicht. - Schlie?t eure Herzen sorgfaltiger als eure Tore. Es kommen die Zeiten des Betrugs, es ist ihm Freiheit gegeben. Die Nichtswurdigen werden regieren mit List, und der Edle wird in ihre Netze fallen. Maria, gebe dir Gott deinen Mann wieder. Moge er nicht so tief fallen, als er hoch gestiegen ist! Selbitz starb, und der gute Kaiser, und mein Georg. - Gebt mir einen Trunk Wasser. - Himmlische Luft - Freiheit! Freiheit! (Er stirbt.)

Elisabeth. Nur droben, droben bei dir. Die Welt ist ein Gefangnis.

Maria. Edler Mann! Edler Mann! Wehe dem Jahrhundert, das dich von sich stie?!

Lerse. Wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt!


JOHANN WOLFGANG GOETHE. GOTZ VON BERLICHINGEN MIT DER EISERNEN HAND